Kein Zweifel, es hat eine Internationale der Sozialisten gegeben, längst ehe die so hektische Diskussion über die Gründung oder vielmehr Wiederherstellung Europas einsetzte. Und wenn Schumacher, der Führer der SPD, auf dem Parteitag in Hamburg im Hinblick auf den Schuman-Plan mit einer gewissen Geringschätzung von den „Neueuropäern“ sprach, die an die Stelle der großen Idee von der internationalen Solidarität ein Surrogat setzten, so sprach daraus nicht nur Bedauern, sondern auch ein gewisses Ressentiment. Ja, einzelne Formulierungen, wie das Wort vom Kartellpatriotismus, die Behauptung, es werde mit der übernationalen Idee lediglich das internationale Finanzkapital in den Sattel gehoben und eine Europäische A. G. von Interessenten gegründet, verraten eine bedauerliche Voreingenommenheit; – Wenn man sich daran erinnert, daß im März vorigen Jahres die Gewerkschaftsführer der Metallarbeiter von Deutschland, Frankreich und den Beneluxländern eine Tagung in Luxemburg abhielten, um die Frage einer Vereinheitlichung der kontinentalen Industrien zu beraten, so könnte man fast auf den Gedanken kommen, daß die Arbeiter ihrem Parteiführer weit voraus sind.

Doch halten wir uns an die sachlichen Argumente Dr. Schumachers, deren Wichtigkeit keineswegs übersehen werden sollte! Der Führer der Opposition legte klar und programmatisch seine Einstellung zum Europa-Problem dar. Er machte deutlich, daß der Beitritt zum Europa-Rat die Existenz einer echten europäischen Gemeinschaft voraussetzte, die Saarfrage aber habe symbolisch deutlich gemacht, daß dieser Geist in Straßburg nicht vorhanden ist. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker sei ein unabdingbares Prinzip des Westens und die Anerkennung eines Willküraktes tödlich für den Kampf gegen den totalitären Osten. Die Einladung der Alliierten an das Saargebiet sei, so sagte er, völkerrechtswidrig, weil die Saar ein Polizeistaat sei und weil die vertraglichen Grundlagen für ihre Abtrennung fehlen. Ein zweifellos wesentlicher Punkt ist ferner die Feststellung, daß Straßburg nur das „Vorzimmer für den Atlantikpakt“ bilde, und man darum mit dem Betreten dieses Vorraumes die freie Entscheidung über die Wiederaufrüstung oder vielmehr Nicht-Wiederaufrüstung Deutschlands aus der Hand gäbe.

Dr. Schumacher warnte vor den „in Bonn üblichen Illusionen“ und verwies seine Parteigenossen auf die politischen Realitäten. Wobei allerdings die Frage offenblieb, was denn nun eigentlich die Realität des Schuman-Planes ist, die doch offenbar sehr verschieden kommentiert wird. Thomas Mann beispielsweise hat gerade in einem Interview in Paris seinen Befürchtungen Ausdruck gegeben, der Plan könne dazu führen, daß „Frankreich mehr oder minder zu einer deutschen Wirtschaftsprovinz würde“. Während Schumacher befürchtet, die deutsche Wirtschaft werde durch ihn dem internationalen Finanzkapital ausgeliefert.

Befürchtungen jedoch sind sicherlich ebensowenig wie Illusionen dazu angetan, eine feste Basis für die so dringend notwendige Neugestaltung der Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland abzugeben. Wir können nur eins tun: aus den Erfahrungen der letzten Jahre die Lehre ziehen, daß das Schwergewicht der Dinge stärker ist als taktische Maßnahmen, Illusionen und Befürchtungen, und uns vor Augen halten, daß nicht nur bei der Errichtung der Ruhrbehörde viel Lärm gemacht wurde, der sich jetzt als überflüssig erweist. M. D.