Ein schwizerischer Schwejk

Stuttgart, im Mai

Nach siegreichen Kriegen gedenkt man der heldenmütigen Generale; nach verlorenen Kriegen ihres Gegenteils, des „braven“ Soldaten, der nicht heldenmütig war und dem es gerade deshalb trotz aller Sorge zuletzt noch gut ausgegangen ist. Er hatte keine Ideale, so konnte er. keine verlieren. Wessen gedenkt ein neutrales Land? – Diese Frage beantwortete der Schweizer Komiker Rasser, der in der „Jungen Bühne“ zu Stuttgart die erste Station seiner Deutschlandreise hielt, mit seinem Stück vom „braven Soldaten Läppli“. Auch die Schweiz hatte ihre Truppen aufgeboten. Sie saßen in den Grenzbefestigungen, grüßten einander militärisch, exerzierten, hielten wacht, Offizier und Mann. Und da entdeckt man nun unter den Männern den „Läppli“, dessen Urbild jener genial-humorige tschechische Dichter Hašek erfand, der mit seinem „Schwejk“ Weltruhm erwarb und weltweit Anstoß erregte, worauf er – der wie alle großen Dichter das Herz eines Kindes hatte und wie alle großen Humoristen ein Pessimist war – sich peu à peu zu Tode soff. Seine „Heldengestalt“, die einst Max Callenberg in der Dramatisierung des Hašekschen Romans so unvergeßlich spielte, hat Rasser ins Schweizerische, ins Neutrale übertragen. Als „Läppli“ ist der „brave Soldat“ nicht halb so boshaft, mir noch lieb; nicht halb so pfiffig, nur noch Mensch, der auch in Uniform menschlich bleibt, Die neutrale Schweiz ist optimistisch, man erkennt es an jener hinreißenden Szene, in der Läppli-Rasser strafexerzieren muß und den kommandierenden Offizier zum Zusammenbruch bringt, indem er freundlich seine Exerzitien zu einem Solotanz steigert: eine tolle Parodie auf das Reglement, das, wie wir sehen, nicht nur in „Preußen-Deutschland“ üblich war, sondern in der ganzen militärischen Welt im Schwange ist. – Die Rassersche Truppe, die das Stück in der Schweiz zu monatelangen Theaterserien werden ließ, ist im Bemühen, mit der Verve ihres Chefs Schritt zu halten, manchmal ein wenig laut und derb; Rasser selbst ist unvergleichlich ausdrucksvoll bis in die Fingerspitzen, ja, bis in die letzten Härchen seines angeklebten Schnurrbarts. Da „Läppli“ im letzten Kriege spielt, liegt Hitlers Schatten über ihm. Glücklicher neutraler Läppli, der ihn nur komisch finden konnte! Rasser hat im Vorwort geschrieben, sein Stück sei nicht deutschfeindlich gemeint. Niemand wird dies behaupten, auch in Deutschland nicht, wo es – unter anderen – selbst viele Läpplis gegeben hat, harmlose Leute mit eigenen harmlosen Gedanken und stets mit dem Vorgefühl, daß sie es auszubauen hätten, aber eben; unter Figuren – Menschen.

Josef Marein

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Berlin im Mai

Bert Brechts dritte Inszenierung im Berliner „Deutschen Theater“ ist ein Stück vom Sturm-und-Drang-Dichter Reinhold Lenz und heißt „Der Hofmeister“, Und eigentlich erst hier, am fremden Vorwurf, wird sowohl das paradigmatische Vorhaben wie die theatralische Leistung Brechts so recht deutlich. Wenn die „Mutter Courage“ noch das epische Theater Brechts ganz von der eigenen stofflichen und sprachlicher Einheit her demonstrierte, so nimmt er mit dem „Hofmeister“ eine nicht mehr gespielte, kaum gelesene grimmige Komödie aus verschollener Literatur und macht sie zum Theater-Exempel. Der Brechtsche Stil, mit halbem Vorhang, Projektionen, szenischen Stationen und symbolisierender Conference-Musik in Bilderbuchmanier zu arbeiten, ist hier sogar noch zugespitzt durch die Regieabsicht, dem Spiel die Eckigkeit, die überhöhte Ironie marionettenhafter Didaktik zu geben. Diesem Lehrcharakter entspricht die Desillusionierung und Ironisierung des Bühnenbildes von Caspar Nehers Hand. Die Szenenbilder werden bisweilen auf der Drehbühne stumm am Zuschauer vorübergedreht, während die Spieluhr über dem hölzernen Gefälle des ganzen Arrangements ständig zirpt. Dann wieder gibt es Bilder, die Zimmer und Gegenstände überhöhen oder nur andeuten.

Alles dies ist nicht nur äußeres Dekor, sondern Lehrmittel für die Bilderbuch-These dieses Stückes: daß der deutsche Schulmeister sich immer der Macht, der Gewalt, der Diktatur erst ein wenig, dann immer mehr und schließlich bis zur geistigen und körperlichen Selbstaufgabe beuge. Den Epilog, den Brecht seinen „Hofmeister“ (den aus Zürich gekommenen, eigentümlich eindrucksvoll agierenden Hans Gaugler) mit gelüfteter Perücke vortragen, läßt, spricht er vollends gegen die Atmosphäre, In der – seltsam genug – diese neue Brechtsche Attacke gegen die Knechtseligkeit nur als Erinnerung, nicht als blutige Aktualität aufgefaßt werden soll. Das „Berliner Ensemble“ Brechts, das diesen „Hofmeister“ im Ostsektor von Berlin spielt, ist aber ein Brechtsches Sondertheater, und man muß annehmen, daß diese Sonderung ihre Ursachen nicht nur In der szenischen Eigenwilligkeit seiner Theaterideen hat, Karl Wilbe