Die Diplomatie unserer Tage hat seltsame Formen angenommen. „Ich kann die Lauterkeit des Zweckes Ihres Briefes nicht gelten lassen. Er kann nur als ein Propaganda-Instrument oder als eine herausfordernde Unverschämtheit betrachtet werden.“ Mit diesen Worten schließt eine diplomatische Antwort, die der alliierte Oberste Befehlshaber in Japan, General McArthur, seinem sowjetischen „Kameraden“ und Chef der russischen Militärmission in Japan, Generalleutnant Derevyanko, auf ein Schreiben sandte, in welchem Derevyanko die Amerikaner beschuldigt hatte, militärische Stützpunkte auf Jokosuka, Sasebo und Kure sowie auf Okinawa und Guam auszubauen. Es scheint, als färbe die vielgepriesene japanische Höflichkeit nur mäßig auf die Besatzungsmächte ab.

Die Entrüstung McArthurs an sich ist allerdings erklärlich. Denn die Russen haben nicht nur auf den von ihnen besetzten Kurilen und Sachalin ihrerseits längst militärische Anlagen errichtet, sondern außerdem wußte General Derevyanko, der seit der Besetzung Japans durch die Alliierten in Tokio stationiert ist, selbstverständlich seit langem, daß die von ihm genannten ehemaligen japanischen Stützpunkte von den Amerikanern wieder instandgesetzt und modernisiert wurden. Wenn er also erst jetzt Protest erhob, so war er offenbar der Ansicht, daß der Zeitpunkt besonders günstig sei. Es stehen nämlich“ Wahlen vor der Tür, Wahlen für die Erste Kammer Japans. Und erstmalig nach dem Kriege spielt in diesem Wahlkampf die Außenpolitik eine ausschlaggebende Rolle, indem die Regierungs- und Oppositionsparteien in der Frage, ob der Friedensvertrag abgeschlossen werden soll, zwei völlig verschiedene Auffassungen haben, die sie den Wählern am 4. Juni zur Entscheidung vorlegen wollen.

Ministerpräsident Shigeru Yoshida, dessen Liberale Partei im Unterhaus die qualifizierte Mehrheit besitzt, vertritt nachdrücklich die Ansicht daß Japan einen Sonderfrieden mit den Vereinigten Staaten abschließen müsse, selbst wenn die Überlassung von militärischen Stützpunkten hiermit verbunden sein sollte. Yoshida stellt sich mit dieser Auffassung eindeutig auf die Seite des Westens. Demgegenüber vertreten die Oppositionsparteien, die sich aus den Sozialisten, den Demokraten und der Kooperativen Partei zusammensetzen, den Standpunkt, daß ein Friedensvertrag zwischen Japan und den Aliierten ein „allseitiger“ sein müsse. Sie haben einen „Gemeinsamen Außenpolitischen Rat“ gebildet, der in öffentlichen Erklärungen den Ministerpräsidenten Yoshida und die Regierung wegen Aufgabe der Neutralität“ heftig angreift.

Doch nicht nur Tokio, auch in Washington erhitzen sich die Köpfe, wenn das Thema des Sonderfriedens mit Japan zur Debatte steht. Auch dort gehen die Meinungen hierüber auseinander; auch dort sind bis heute noch keine Entscheidungen getroffen worden. Während das State Department – diesmal unterstützt von McArthur – für einen Sonderfrieden eintritt, haben die Chefs der drei Wehrmachtsteile und Verteidigungsminister Johnson hiergegen ernste Bedenken. Sie halten jede Beschränkung der militärischen Tätigkeit der USA auf den japanischen Inseln nicht nur für eine unverantwortliche Schwächung der Erfolgsaussichten bei einer im Kriegsfall von Japan aus gegen die Sowjetunion vorzutragenden Offensive, sondern auch für eine Gefahr für die Sicherheit der Vereinigten Staaten.

Präsident Truman, bei dem die letzte Entscheidung über die Japanpolitik liegt, hat im Hinblick auf die bestehenden Meinungsverschiedenheiten verfügt, daß sich Verteidigungsminister Johnson und der Vorsitzende der Chefs der drei Wehrmachtsteile, General Omar Bradley, am 11. Juni zu Besprechungen mit General McArthur nach Japan begeben, denn „Mikado McArthur“, der seit elf Jahren nicht mehr in den Staaten war, lehnt nach wie vor konsequent ab, zur Berichterstattung in Washington zu erscheinen. In diesen Besprechungen dürften die von militärischer Seite für unerläßlich gehaltenen Bedingungen für einen Sonderfrieden mit Japan festgelegt werden.

Ernst Krüger