Wenn. Stalin heute Telegramme schickt, können, da ja der Kalte Krieg munter weitergeht, nur Toren anderes erwarten als reine Propaganda. Die vergangene Woche hat das erneut gezeigt. Die Regierung der deutschen Sowjetzone wurde von dem Marschall telegrafisch davon unterrichtet, daß die Sowjetunion auf Ersuchen von Ministerpräsident Grotewohl und in Übereinstimmung mit der polnischen Regierung ihre noch ausstehenden Reparationsforderungen auf die Hälfte herabgesetzt habe. Da bisher etwa 3,7 Milliarden Dollar von Deutschland gezahlt worden seien, die ursprüngliche sowjetische Gesamtforderung aber 10 Milliarden Dollar betrug, so sei dies ein Verzicht auf rund 3,15 Milliarden Dollar. Und das alles, wie aus dem Telegramm hervorgeht, aus purer Freundschaft.

Niemand kennt die genaue Höhe der bisher von der Sowjetzone an die Sowjetunion gelieferten Reparationen. Die SPD schätzt sie statt auf 3,7 auf 60 Milliarden Dollar. Fest steht auf alle Fälle, daß sie ein Vielfaches von den angegebenen sowjetischen Zahlen ausmacht. Und fest steht auch dieses: Die Sowjetzone wird nicht in den nächsten Jahren 3,15 Milliarden Dollar zu zahlen haben, sondern sie wird solange ihren Vasallentribut entrichten, solange sie von einem kommunistischen Regime beherrscht wird, und soviel Blut lassen, soviel der Kreml aus ihr herauszupressen vermag. Freundschaft mit der Sowjetunion heißt Unterwerfung.

Allein, das alles hinderte das Politbüro der SED nicht, in einem Antworttelegramm an Moskau seine „Freude über den großherzigen Entschluß der Sowjetregierung“ auszudrücken, der „ein neuer Beweis für die uneigennützige und edle Freundschaft des Sowjetvolkes für das deutsche Volk“ sei. „Dieser Edelmut“, heißt es wörtlich, „ist um so höher zu bewerten, weil auch heute noch die Witwen und Waisen, diese Opfer des vaterländischen Krieges, das Sowjetvolk an die ungeheuerlichen Verbrechen der Hitlersoldateska erinnern!“ „Und“, so schließt das Telegramm, „deshalb danken wir von ganzem Herzen Generalissimus Stalin, der ruhmvollen Allunionspartei, sowie dem ganzen Sowjetvolk für den hochherzigen Entschluß. Es lebe die unzerstörbare deutsch-sowjetische Freundschaft...“

C. L.