Wir wollen mit warmem Herzen, aber mit kühlem Verstände bei dem neuen Werk sein – so meinte M. C. Müller auf der Jahresversammlung der Eisen- und Stahlindustrie; das mag als Motto für die kommenden und sich wohl über Jahre erstreckenden Verhandlungen zur Föderation der mitteleuropäischen Schwerindustrie gelten. Die letzten Tage haben zunächst ein wechselseitiges Kennenlernen und Abtasten der Standpunkte gebracht. Diese Woche beginnt die praktische Arbeit in kleinen Gremien. Blücher kennzeichnete die Lage: „Es gibt Verhandlungen von ungewöhnlicher Länge.“

So können die deutschen Gedanken über das Wie? der Realisierung des Schuman-Planes nur erst in vagen Umrissen zu erkennen sein. Anderes wäre wohl auch verfehlt, weil in der Elastizität die große Chance des guten Gelingens liegt. Was aber nicht in Umrissen, sondern als Gerüst für den handelnden „kühlen Verstand“ vorhanden sein müßte, das wäre eine Art von Röntgenbild der deutschen Ausgangsposition.

Der Schuman-Plan trifft zweifelsohne Kohle und Eisen in einem recht ungünstigen Augenblick. Aber das „desinteressierte Tempo der Londoner City“ an einer europäischen oder gar kontinentalen Allianz hatte in Paris im Frühjahr steigend Verärgerung hervorgerufen, daß Schuman nun zum Schlag ausholte (nachdem er – bester politischer Takt! – den Bundeskanzler unterrichtet hatte). Dieses Hand in Hand zwischen Paris und Bonn ist für unsere Ausgangsposition der Punkt Nr. 1.

Punkt 2 ist wohl, daß es Schuman gelungen ist, mit einem Schlage in ganz Frankreich den Boden für deutsch-französische Industriebesprechungen vorzubereiten und dadurch jahrelang still geübte unendlich mühselige mosaikartige Kleinarbeit einiger weniger Industriepersönlichkeiten beiderseits des Rheins zu aktivieren.

Der Stahlplan-Fetischismus im Nachkriegsfrankreich wirft schwere Schatten voraus. Trotz riesiger Investitionen ist Frankreich noch unter der deutschen Stahlkapazität geblieben, hat aber bereits eine Produktion erreicht, die die heimatliche Wirtschaft nicht mehr verdauen kann. Kann ein Stahlpakt mit Deutschland (und dann mit Europa) die gefährliche Überzüchtung der innerfranzösischen Eisen- und Stahlproduktion in Grenzen bannen? Welchen Grenzen? Hier liegt Positives und Negatives dicht beieinander.

Zur Passivseite: Schon beim Erz beginnt es. Technische und betriebswirtschaftliche Vorteile haben die deutschen Eisenwerke in den letzten dreißig Jahren vom Bezug französischer Minette weggeführt. Frankreich wünscht stärkere deutsche Käufe, um seine Koksbezüge zu verbilligen (Ausnutzung des Frachtraumes in beiden Richtungen). Es dürfte, als Gegenleistung, die eigene Kokserzeugung zugunsten des deutschen Kokses mindern.

Frankreich wünscht dann eine Absprache über die Kohlenpreise, d. h. den Kohlenbezug zum billigen deutschen Inlandspreis. Es würde dann den eigenen Stahl zu mindestens deutschen Inlandspreisen liefern können und infolge seiner Frachtlage sogar auf den deutschen Inlandsmärkten, z.B. in Süddeutschland, erfolgreich konkurrieren können. Die Gefahr eines Verlustes des aus politischen Gründen sowieso schon sehr labilen ostdeutschen Marktes wächst außerdem erheblich.