Vor dem Arbeitsgericht in Hamburg wird zur Zeit ein Prozeß geführt, der eine sehr grundsätzliche Frage anschneidet: Darf eine staatliche Behörde einen Mann kündigen, weil er Mißstände im Wirkungskreis seines Chefs aufzudecken versucht hat? Den Prozeß führt ein Arzt, um die Wiedereinstellung in ein Dienstverhältnis zu erzwingen, das die Hamburger Gesundheitsbehörde nach seiner Ansicht aus objektiv nicht stichhaltigen Gründen gelöst hat, Der in drei Gerichtsterminen verhandelte Fall, um den sich bedauerlicherweise parteipolitische Einflüsse zu ranken scheinen, hat folgende Vorgeschichte:

An die Spitze des Kinderkrankenhauses in Hamburg – Borgfelde wurde 1949 ein Arzt namens Dr. Trendel berufen. Es war ein politischer Wiedergutmachungsfall, weil Dr. Trendel für eine Verurteilung entschädigt werden sollte, die er gegen Kriegsende über sich ergehen lassen mußte. Unter ihm arbeitete im gleichen Krankenhaus als Assistenzarzt und diensttuender Oberarzt der Kläger im gegenwärtigen Prozeß, Dr. Hartig. Zwischen beiden kam es sehr bald zu Spannungen, weil Dr. Hartig Unzulänglichkeiten im Betrieb der Klinik kritisierte. Er nahm mehrfach Anstoß an Behandlungsmethoden, die ihm leichtfertig erschienen, und an der Sorglosigkeit in der Beachtung hygienischer Vorschriften. Ebenso machte er sich oft zum beschwerdeführenden Sprecher seiner Mitarbeiter. Dennoch versuchte er, loyal gegenüber seinem Chef zu bleiben, bis er zu der Überzeugung kam, er mache sich mitschuldig an den Mißständen im Krankenenhaus, wenn er noch länger schwiege. So veranlaßte er, daß eine Untersuchungskommission sich der Dinge annahm. Die Spannungen zwischen ihm und seinem Chef fanden nun einen vorläufigen Abschluß: Dr. Hartig erhielt seine Kündigung zum 31. März.

Diese Kündigung sah er jedoch als unrechtmäßig an, und er klagte nunmehr gegen die Gesundheitsbehörde auf Wiedereinstellung. Er ging davon aus, daß er nur gekündigt worden sei, weil man ihn habe loswerden wollen, nicht aber, weil, wie die Gesundheitsbehörde erklärt, nach seiner Weiterbeschäftigung als Oberarzt kein Bedürfnis bestanden habe. Er erklärt, die Oberarztstellung in der Borgfelder Klinik sei ihm fest zugesagt gewesen, auch vom Leiter der Gesundheitsbehörde. Die Kündigung sei mit der Begründung ausgesprochen worden, daß er inzwischen den Facharzttitel erworben habe, in Wahrheit aber habe man ihn auf Veranlassung von Dr. Trendel gekündigt, weil er ein unbequemer Zeuge der „horrenden Fehler, der Mißstände und einer zunehmenden Desorganisation“ im Krankenhaus gewesen sei.

Die amtsärztliche Untersuchungskommission scheint bemerkenswerterweise an Aussagen zur Entlastung von Dr. Trendel interessiert gewesen zu sein, konnte aber andererseits nicht umhin, belastende Umstände im Sinne der erhobenen Beschuldigungen festzustellen. Ein vor Gericht vernommener früherer Assistenzarzt jedoch, der jetzt im Krankenhaus Hamburg-Langenhorn tätige Kinderarzt Dr. Biermann, erklärte als Zeuge, daß es unter anderem zu einer „auf Nachlässigkeit der Klinikleitung zurückzuführenden, in mehreren Wellen um sich greifenden Masernepidemie gekommen sei. Dr. Trendel schied schließlich im Zusammenhang mit der durchgeführten Untersuchung aus dem Krankenhaus aus und befindet sich, wie der Vertreter der Gesundheitsbehörde vor dem erstaunten Gericht mitteilte, zur Zeit auf Erholungsurlaub. Die zahlreichen Zuhörer, unter ihnen viele Kinderärzte, räusperten sich hierbei so demonstrativ, daß der Richter um Unterlassung jeglicher „Kundgebungen“ zu bitten sich veranlaßt sah ...

Wer hat recht? Das für den 7. Juni angekündigte Urteil soll es erweisen: Wird Dr. Hartigs Klage auf Wiederbeschäftigung stattgegeben werden oder wird es dabei bleiben, daß ein Arzt – verheiratet und Vater dreier Kinder – arbeitslos sein muß, nur weil er einen Gewissenskonflikt nicht ertrug und auf den Plan trat, um Mißstände anzuprangern und abzustellen, die die Gesundheit von Kindern gefährdeten? Höhepunkte des Prozesses vor dem Hamburger Arbeitsgericht waren die Zeugenaussagen der Professoren Knaack, des Präsidenten der Gesundheitsbehörde und Holthusen, des Chefs vom Hamburger St.-Georg-Krankenhaus, dem die Borgfelder Kinderklinik unterstellt ist und der deshalb die Kündigung von Dr. Hartwig unterzeichnet hat: beide stellten den eindeutigen und immer präzisen Aussagen des Klägers nur höchst unbestimmte Formulierungen, wie „Ich entsinne mich nicht mehr ..., es kann wohl möglich, sein ....,es ist mir nicht mehr in Erinnerung...“ entgegen, was vom Gerichtsvorsitzenden „mit Bedauern“ zur Kenntnis genommen wurde. Und beide stehen – ebenso wie Dr. Trendel – derselben SPD nahe, um deren Einfluß in der Gesundheitsbehörde jedermann weiß.

Den letzten Höhepunkt der dritten Verhandlung vor dem Arbeitsgericht bildete das Plädoyer des Rechtsbeistandes des Klägers, des Referendars Albrecht. Er bat das Gericht, das Berufsschicksal eines jungen Arztes nicht unter Prestigefragen einer Behörde leiden zu lassen, nur weil dieser Arzt Zivilcourage gezeigt habe. „Zivilcourage aber ist etwas“, so rief er dem Richter zu, „das wir heute mehr denn je fordern müssen. Es geht nicht an, jemanden wegen Zivilcourage zu bestrafen!“ Othmar Merth