Gandhi und Tagore wären Christen geworden, hätten sie nicht Europa kennengelernt –: ein bitter wahres Wort von Nathan Söderblom. Jedoch was in diesem Zusammenhange Europa recht ist, ist ganz entschieden Amerika billig; konkurrenzlos billig, wenn man das Buch Ein Chirurg erlebt Burma liest, das der amerikanische Missionsarzt G. S. Seagrave schrieb und dessen deutsche Ausgabe soeben im Schweizer Druck- und Verlagshaus, Zürich, erschien. Am billigsten sind die in pausenlosem Einsatz über fast 300 Seiten hinwegrollenden, ungewöhnlich gewöhnlichen Witzchen, mit denen Seagrave ebenso beharrlich wie vergeblich glauben machen will, er habe vom Geiste Mark Twains einen Hauch verspürt. Ein Beispiel: Früh schon habe er die Wirksamkeit des Gebets für die ärztliche Praxis kennengelernt, berichtet er – nämlich als der Patient Smith durch ein Klistier auf eine Blinddarm-Operation vorbereitet werden sollte. Da dem Arzt dabei nicht ganz geheuer zumute war, empfahl er dem ohnehin ängstlichen Patienten, zuvor ein Gebet zum Himmel zu schicken. Das hatte dem Manne noch gefehlt: „Da – ein Knall!... Weder Klistier noch Operation waren mehr nötig.“

Mit solchen und verzweifelt ähnlichen Scherzen geht es nach Burma. Der Leser erlebt leider nicht dieses Land, sondern diesen Arzt. Massiver und gehässiger Nationalismus durchmischt die trostlosen Witzeleien mit Gift und Galle. Auch dafür ein Beispiel: Nach der Flucht aus Nankam hört der christliche Missionsarzt die Radio-Nachricht, sein einstiger Wohnsitz dort sei von US-Bombern heimgesucht worden. Er bemerkt dazu – und damit klingt das Buch aus –: „Am schwersten von allen Häusern war für die Flieger wohl unser Doktorhaus zu treffen ... Aber wenn sich darin, wie ich annehme, ein japanisches Oberkommando befand, dann freut es mich, und ich hoffe, unsere Amerikaner haben ihm das Lebenslicht ausgeblasen!“ Vermutlich entsteht bei Asiaten ein wahres Gedränge zum Missionsfeld, sehen sie die Bergpredigt solchermaßen verbürgt und verkündet... Der Verlag des Buches teilt auf dem Schutzumschlag mit, Seagraves Schicksal und Werk erinnere „an das des großen Albert Schweitzer“. Das ist richtig: nämlich als dessen extremer Gegensatz, an den man zwangsläufig denken muß, wenn man bei solcher Lektüre Glaube, Liebe und Hoffnung nicht völlig aus dem Blickfeld verlieren möchte.