Henri Matisse baut eine Kirche – Seite 1

Von Rolf Italiaander

Halbwegs zwischen Cannes und Nizza liegt in

den Alpes Maritimes, ziemlich hoch in den Bergen, mit einem traumhaft schönen Blick auf die Côte d’Azur, das Dorf Vence. Außer der einheimischen Landbevölkerung wohnen hier oben einige Familien verschiedener Nation, Liebhaber der französischen Riviera, die aber abseits vom Touristenstrom sein wollen. Seit zwei Jahren ist hier auch der Maler Marc Chagall zu Hause. Ihn wollten wir eigentlich besuchen. Da wir seine Adresse nicht hatten, mußten wir uns mühsam durchfragen, aber er war völlig unbekannt! Der zweiundzwanzigste Passant, den wir nach dem Peintre Chagall fragten, war zufälligerweise eine Dame, die eines ihrer Häuser an Chagall vermietet hatte, und von ihr erfuhren wir, daß er mit seiner Frau verreist sei. Als Madame unser Bedauern spürte, die Reise umsonst gemacht zu haben, meinte sie, wir sollten nicht versäumen, die im Werden begriffene Kirche von Henri Matisse aufzusuchen.

Der jetzt einundachtzigjährige Meister, seit Dezember 1917 in Nizza zu Hause, befand sich nach dem letzten Weltkriege in Krankenpflege bei den Dominikaner-Schwestern von Vence. Sie heilten ihn von schwerem Altersleiden. Aus Dankbarkeit entschloß er sich, den Dominikanern eine kleine Kirche zu stiften. Vor zwei Jahren wurden die Arbeiten aufgenommen. Im Herbst dieses Jahres soll das Kirchlein fertig sein.

Wir suchten daraufhin das kleine Gotteshaus auf, das an der Straße zwischen Vence und dem seiner mittelalterlichen Schönheiten wegen berühmten Grasse entsteht. Dort liegt ein Hospital von Dominikaner-Schwestern, neben dem unmittelbar die Kirche errichtet wird. In einem Seitengebäude kann man gegen eine freiwillige Spende ein originalgetreues Modell besichtigen, dazu Grundrißpläne, Entwürfe und Photographien vom Fortschreiten der Arbeiten. Man kann auch Lithographien von Matisse kaufen, deren Erlös ebenfalls der Kirche zugute kommt.

Vielleicht bezeichnet man die Eglise Matisse, wie man in Vence sagt, besser als Kapelle. Sie hat eine Gesamthöhe von acht Metern, eine Breite von zehn Metern und eine Länge von fünfzehn Metern. Jene Längswand, die einem malerischen Abhang zugewandt ist, besteht lediglich aus vom Boden bis zur Decke reichenden schmalen Fenstern. Sie sind alle – in lebendigsten Variationen natürlich – in Gelb, Blau und Grün gehalten, Farben, wie sie Matisse immer anwendet, und tragen als einzigen Schmuck – wiederum ständig in den Farben variierend – das Symbol der Provence: einen matissianisch stilisierten. Kaktus. Die gegenüberliegende Längswand ist wie die gesamte Kirche kalkweiß gehalten. In Altarnähe finden wir in schwarzer Zeichnung einen überlebensgroßen heiligen Dominikus, am anderer Stelle, ebenfalls in schwarzer Zeichnung, eine Madonna mit dem Kinde, umgeben von stilisierten Rosen. Wahrscheinlich wird das Kirchlein den Namen Chapelle Notre Dame du Rosaire erhalten.

Welche Wirkung die Kirche auf den Gläubigen ausüben wird, läßt sich heute schwerlich voraussagen. Es war jedenfalls erstaunlich, wie sehr sich die uns führende Dominikaner-Schwester für Henri Matisse und seine moderne Auslegung eines Gotteshauses begeisterte. Die Entwürfe der Madonna und des heiligen Dominikus wie auch die verschiedenen Skizzen des Gekreuzigten und der beiden Schacher erweckten weder bei uns noch bei den anwesenden, offenbar sehr kunstinteressierten Pilgern, die wir vorsichtig befragten, religiöse Gefühle oder Gedanken. Hätten wir nicht gewußt, daß es sich um eine Kirche handele, hätten wir vielleicht gemeint, Figurinen für ein Ballett von Cocteau oder Anouilh vor uns zu haben. Christus und die Schacher wirkten sogar fast wie moderne Sportgestalten. Die Paysage des Olympiques von Henry de Montherlant sind derart illustriert worden. Matisse hat vor Jahren proklamiert: Je vais vers mon sentiment, vers l’extase. Ob diese These aber bei einem Kirchenbau anwendbar ist?

Henri Matisse baut eine Kirche – Seite 2

Wenn auch mit zwiespältigen Gefühlen, so doch doppelt neugierig, und keineswegs erschüttert in unserer Bewunderung für den preisen Meister, nahmen wir alsdann in Nizza die Gelegenheit wahr, Henri Matisse selbst aufzusuchen. Er wohnt seit längerem in dem Vorort Cimiez in einem jener Hotelpaläste, die in Appartementhäuser aufgeteilt worden sind, da die meisten großen Hotels in Ermangelung des wohlhabenden Vorkriegspublikums völlig leerstehen.

Eine Krankenschwester sorgt für das leibliche Wohl des Künstlers. Eine schöne junge Russin ist seine Sekretärin. Er bewohnt ein halbes Dutzend großer Räume, die mit alten und neuen Arbeiten seiner Hand dicht behangen sind. Man findet aber auch Geschenke von großen Zeitgenossen, die seine Freunde sind oder waren; so von Maillol und Picasso. Zwischendurch alte Brokate, Batiken von Matisse Tahitireise im Jahre 1930 sowie asiatische Blätter und Holztafeln mit jenen dekorativen Bilderzeidchen, die ihm selbst manche Anregung gegeben haben. An anderen großen Wandflächen in Originalgröße die verschiedenen Entwürfe für die Kirche. Sogar den Altar hat er sich zu Hause aufstellen lassen und verschiedene Muster von Leuchtern. Er müsse alle seine Entwürfe und die fertigen Stücke immer um sich haben, sagte er. Bauen und Konstruieren sei nun mal etwas anderes als malen und zeichnen. Er müsse die Dinge plastisch vor sich sehen, um notfalls auch noch korrigieren zu können.

Henri Matisse war früher dafür bekannt, daß er viele frei herumflatternde Vögel als Hausgenossen hatte. Jetzt beschränkt er sich auf ein halbes Dutzend schöner Katzen, die gespensterhaft durch die Räume streifen. Den Meister fanden wir in einem riesenhaften Bett, mitten im Zimmer, sehr frisch, gesprächig und gastfreundlich. Er will noch lange leben und arbeiten. Deshalb verbringt er nach einem Bernarc Shawschen Rezept jetzt die meiste Zeit im Bett und steht nur für zwei bis drei Stunden täglich auf, um einen Spaziergang zu machen. Sein Riesenbett ist umgeben von vielen Tischen mit Büchern, Kunstmappen, Malutensilien, Schreibgeräten, Radio und mehreren Lampen. Er kann alles von seinem Bett-Thron aus erreichen.

Zur Qual meines Begleiters – Paul Gauguin d. J. – begann auch Matisse zuerst vom alten Gauguin zu sprechen, von dem er einen Bruder als Perlenfischer auf einer Südseereise kennengelernt habe. Als er merkte, daß es seinem Besucher unangenehm war, wiederum zuerst als Enkel eines berühmten Mannes angesprochen zu werden, ließ er die Gauguinsche Familiengeschichte fallen und sprach mit der Begeisterung eines Jünglings von seinem Kirchenbau. Er gab zu, daß er ein großes Wagnis eingegangen sei; aber er hoffe trotzdem, daß etwas Bleibendes entstehen werde. Es schien, als baue er die Kirche hauptsächlich deshalb, weil er meint, Leinwand und Papier seien nichts Beständiges. Man könne nicht wissen, was Europa noch bevorstehe. Mit der Kirche jedoch hoffe er, sich ein steinernes Denkmal zu errichten: "Wenn ich jünger wäre, würde ich vielleicht noch viel mehr bauen, bildhauern und auch Keramiken machen. Auch mich drängt es zu anderen Materialien. Ich habe es immer wiederholt: Künstler ist jemand, der imstande ist, seine Empfindungen methodisch zu ordnen. Was ich an meinem Lebensabend empfinde, kann ich in dieser kleinen Kirche manifestieren!"

Während wir dem Meister zuhörten, entdeckten wir auf einmal, daß sogar die weiße Zimmerdecke mit Entwürfen verschiedener Details der Kirche bemalt war. Mit einem schalkhaften Lächeln gab der Greis, der fraglos keine Leiter mehr besteigen kann, die Erklärung. Nicht allein, daß er sich im Bett am wohlsten fühlt, er vermag nur noch auf große Entfernung klar zu sehen. Aus diesem Grunde hat er sich einen drei Meter langen leichten, aber in sich stabilen Bambusstab besorgt und an dessen Ende eine kleine Konstruktion anbringen lassen, die große Kohlenstifte oder auch dicke Zeichenstifte aufnehmen kann. Im schwenkbaren Bette liegend, oder auch im bequemen Sessel sitzend, nimmt der Meister das Zeichengerät in beide Hände und geht, seine versiegenden Naturkräfte überlistend, seinem Tagewerk nach. Ein selbstherrliches Genie bis in die letzten Tage.