Berlin, Ende Mai

Von Wilhelms II. Wort „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“, nimmt Günther Neumann, einst Autor des kabarettistischen Films „Berliner Ballade“ das Thema zu seinem Film „Herrliche Zeiten“ (Delphi-Palast, Berlin). Es ist ein Querschnitt durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, und Neumanns Darsteller, die der Vorspann in langer Reihe ankündigt, reichen von Wilhelm II. über Asta Nielsen, König Georg, Zar Nikolaus, Charlie Chaplin, Mussolini, Briand, dem Kronprinzen, Ebert senior und junior, Stalin zu Buster Keaton. „Alle Kameramänner dieses halben Jahrhunderts haben an dem Film mitgewirkt“, so sagt Günther Neumann, „nur sie haben es nicht gewußt.“

Einen spannenden Film aus dem Material der Archive zu machen – diese Absicht wäre von vornherein gescheitert, wenn Günther Neumann nicht mit der begleitenden Figur des normalen Zeitgenossen Schultze, der, teils ganz unsichtbar, teils aus der Seligkeit des Familienfotoalbums gewichtig heraustretend, die Bilderfolgen konferierend zueinander fügte. Diese Conference, die Willy Fritsch mit schöner Selbstverleugnung spricht und darstellt, macht Neumanns Film zu mehr als einem Album der Reminiszenzen. Es geht heiter, lächerlich, grotesk, aber nicht minder ernst und nachdenklich in diesem Film zu, und die Selbstgespräche, die Neumann seinen Normal-Zeitgenossen halten läßt, sind im ganzen eine traurige Bilanz über die Abwesenheit der Vernunft, die in diesem halben Jahrhundert das bestimmende Faktum gewesen ist. Daß Neumann mit seiner Apotheose auf die friedlicheren Spiele der Kinder und dem schönen Gag des russischen Jungen an der gemeinsamen Fahnenstange seiner Revue ein etwas zu billiges Happy End geben will, mag ihm die pessimistische Gesamttendenz seiner heitertraurigen Parade aufgetragen haben. Da aber der deutsche Film sonst oft nur Geringes an Qualität zu bieten hat, wird Neumanns gallige Ironie und kabarettistische Verkürzung ihm gewiß große Beachtung einbringen. kw