Von F. G. Bengtsson, Schweden

Die deutschen Meisterspiele des Jahres 1950 im Schach haben in Bad Pyrmont eine Überraschung gebracht: Den Sieg errang der 25jährige Referendar Wolf gang Unzicker vor dem Großmeister Bogoljubow. Er ist der jüngste Teilnehmer gewesen, und man sagt ihm, da er vor zwei Jahren schon einmal den Titel errang, eine große Zukunft voraus. Lothar Schmid, der kürzlich in England den dritten Platz vor Bogoljubow erstritt, ist mit seinen 21 Jahren gleichfalls eine junge Schachhoffnung. Er spielte in Pyrmont nicht mit, weil er gerade in der Referendarprüfung steht. Deutschlands Schachnachwuchs erwächst demnach aus den Reihen der Juristen.

Schachspiel ist in seinen akuten Formen nicht

etwa Zerstreuung oder gewöhnliche Liebhaberei, es ist Besessenheit. Alkoholiker können mit Milch oder Fruchtsaft kuriert oder doch zu leidlichem Wohlbefinden gebracht werden, und für Morphinisten und ihresgleichen gibt es wissenschaftliche, wenn auch recht umständliche Entziehungskuren. Dagegen ist es unmöglich, sich die zur vollen Entwicklung gelangte Liebhaberei für das Schachspiel abzugewöhnen.

Der wahre Schachspieler teilt die Menschheit in drei Kategorien ein: in Meister, Amateure und restliche Personen. Wozu die letztgenannte Abteilung eigentlich da ist, bleibt dem Schachspieler ein dunkles und glücklicherweise uninteressantes Problem. Doch findet sich in dieser Klasse eine besondere Unterabteilung, die er mit einer gewissen Achtung behandelt. Das sind die Gönner des edlen Spiels. Diese nützlichen Personen – Geschäftsleute, Direktoren und dergleichen – stiften Preise und Pokale für Turniere, und mitunter, wenn man es ihnen nahelegt, leihen sie dem bedürftigen Schachspieler sogar Geld. Eine vielköpfige Gruppe sind die Amateure. Diese Kategorie besteht hauptsächlich aus schwer sei achberauschten und grenzenlos hoffnungsfreudigen jungen Spielern, die Tag und Nacht in Schachsphären leben, aber aus irgendeinem Grunde immer noch nicht Meister geworden sind. Ein jeder von ihnen ist, laut eigener objektiver Beweisführung, entschieden ein stärkerer Spieler all alle übrigen, ungeachtet zahlreicher Niederlagen und einer hin und wieder auftretenden Placierung als Letzter; und warum der Betreffende noch nicht Klubchampion, Distriktmeister, internationaler Meister und Großmeister geworden ist, das bleibt eine höchst verwickelte, eine an erschütterndem tragischem Verhängnis reche Geschichte, die aber dennoch in müßigen Augenblicken gern erzählt wird.

Ich selbst, der ich schwerster Besessenheit unterworfen gewesen bin, habe lange nicht begreifen kennen, warum ich es nicht weitergebracht habe als bis zum einfachen Amateur. jahrelang habe ich mich ausschließlich nur mit Schach abgegeben (obwohl, solange als es irgend anging, behauptet wurde, daß ich an der Universität studierte); ich spielte Schach, las Schach und träumte Schach, ich hatte den Kopf voll von Spieleröffnungen, von Varianten und Meisterpartien; ich konnte die Sieger in allen Turnieren seit 1851 aufzählen und hielt den Weltmeister – nächst Schopenhauer – für die vornehmste Blüte deutscher Kultur. Was mir fehlte, war die notwendige Charakterstärke, vor allem Gleichgewicht und Geduld. Ich wünschte stets, daß die Partien romantisch und sensationell verliefen und daß sie mitten im Spiel mit einem großen Krach endeten, und das geschah oft genug; wenn auch nicht so, wie ich es mir gedacht hatte. Denn unter den Trümmern der abschließenden Explosion lag häufiger als mein Gegner ich selbst begraben.

Theoretisch sah ich sehr wohl ein, daß man ernsthafte Partien prosaisch und gediegen spielen und daß man zufrieden sein müsse, nach vierzig Zügen einen Bauern mehr zu haben, um dann im Schlußspiel langsam zu gewinnen. Indes, die Durchführung einer solchen Philosophie in der Praxis ist mir nie geglückt, und so wurde mir denn oft das Schlußspiel zu einer trübseligen Beschäftigung, die sich am besten für Eunuchen zu eignen schien, wenn die Damen verloren waren. Auf dem einzigen nordischen Turnier, an dem ich teilnahm, brachte ich es mithin zu einer sehr wenig zufriedenstellenden Placierung, worauf ich begriff, daß mein Leben verfehlt war. Ich fing allmählich an, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen, doch ohne daß es mir gelungen wäre, die alte Leidenschaft ganz auszurotten.