Mit hanseatischer Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit ist Bremen nach 1945 an die Arbeit gegangen, Trümmer und Schutt überall da zu beseitigen, wo sie der Krieg im Hafen, bei der Industrie und in den Wohnvierteln hinterlassen hatte. Ein Beispiel für den Erfolg dieses Schaffens ist die Nachricht, daß nun wieder 100 Liniendienste in europäischer und überseeischer Fahrt auf Bremen laufen. Wenn es sich auch hauptsächlich um ausländische Dienste handelt, so ist die Tatsache doch eine Anerkennung für den Wiederaufbau Bremens zum schnellen und sicheren Hafen. Ein weiteres Beispiel dieses hanseatischen Aufbauwillens gibt in Bremen die Automobilindustrie. Und wenn man heute in Deutschland oder draußen im Ausland von Bremen spricht, dann meint man nicht nur seinen Hafen, man meint auch die Wagen, die aus Bremen kommen: den Borgward-PKW „Hansa 1500“, den 1 1/4-Tonner und den 3,4-Tonner von Borgward, den Dreirad-Lieferwagen der Goliath-Werke und ihr jüngstes Erzeugnis: den Goliath-PKW. Hinzu kommen nicht zuletzt die Wagen der Lloyd-Maschinenfabrik, die neben ihren bekannten Elektro-Fahrzengen nun als neuesten deutschen Kleinwagen den „Lloyd LP 300“ gewartet hat.

Schon lange vor dem Kriege waren in einem Vorort Bremens moderne Produktionsstätten für Kraftfahrzeuge entstanden. Hier wurden Wagen hergestellt, die zu Weltruf gelangt sind. 1938 errichtete man schließlich in Bremen-Seebaldsbrück ein neues Werk, das seine Entstehung der Initiative von Carl F. W. Borgward verdankt. Als der Krieg begann, standen rund 80 000 qm nutzbare Hallenfläche zur Verfügung. Als er beendet war, blieben kaum 17 000 qm als bescheidene Keimzelle für einen neuen Beginn übrig. Wenn man heute durch die modernen Hallen geht, die in mühsamer Arbeit und erst nach Überwindung der ungewöhnlichsten Schwierigkeiten in den rückliegenden Jahren errichtet werden konnten, kann man diesem Unternehmen – der einzigen deutschen Automobilfabrik im Privatbesitz – die Anerkennung nicht versagen. Im Mai 1945 begann das Werk, das einst 8000 Menschen beschäftigt hatte, mit 400 Mann des alten Stammes den Wiederaufbau. Längst sind nun aber die Carl F. W. Borgward GmbH. Automobil- und Motorenwerke mit einer Belegschaft von 5600 Mann zum größten Industrieunternehmen der Hansestadt Bremen geworden.

Die Borgward-Werke eroberten sich – – außer mit ihrem bewährten 1 1/4-t-Schnell-Lkw und dem 3,4-t-Diesel-Lkw – vor allem mit dem neuen Borgward-Pkw „Hansa 1500“ sehr bald einen großen Teil des Kraftfahrzeugmarktes, stellt doch ihr Pkw die erste wirkliche Neukonstruktion auf dem Gebiet des deutschen Personenwagenbaues dar. Man muß zugeben, daß die Absicht, einen modernen Wagen der mittleren Größenklasse zu schaffen, hier bestens verwirklicht wurde. Heute ist der „Hansa 1500“ mit seiner Pontonform und der unaufdringlichen Eleganz des Gesichts schon längst aus dem Straßenbild der deutschen Städte nicht mehr wegzudenken. Auch im Ausland findet er immer mehr Freunde, wie die steigenden Exportziffern des Werkes beweisen. Sie betragen allein beim „Hansa“ 12 v. H. der Erzeugung. Die Produkt tion, die sich nach dem Anlaufen der „Hansa“-Fließband-Fertigung am 13. Oktober 1949 bis Ende des Jahres auf 1148 Stück belaufen hatte, erreichte im ersten Drittel von 1950 bereits 2267 und wird – entsprechend der gesamten Tendenz der deutschen Pkw-Fertigung – in den folgenden Monaten noch weiter ansteigen.

Zu den Wagen aus Bremen zählen ferner die Goliath-Erzeugnisse. Als treuer und zuverlässiger Helfer bewährte sich auch nach der im April 1949 erfolgten Wiederaufnahme der Produktion der Dreirad-Wagen (3/4 t) im In- und Ausland. Bei ihm konnten in erstaunlich kurzer Zeit sogar die Fertigungszahlen der Vorkriegszeit überschritten werden. Kürzlich überraschte das Goliath-Werk die am Kraftfahrzeug interessierte Öffentlichkeit mit einer völligen Neukonstruktion auf dem Gebiete des Personenwagenbaues. Es brachte auf dem „Genfer Salon 1950“ den „Goliath-Pkw“ heraus. Der Wagen ist mit einer Fülle von Neuerungen ausgestattet und dürfte selbst das Interesse anspruchsvoller Fahrer für sich gewinnen, vor allem deshalb, weil er fünf Personen ausreichend Platz bietet und mit seinem Zweitaktmotor von 25 PS eine Spitzengeschwindigkeit von 102 km/std. entwickelt. In Deutschland wurde der „Goliath-Pkw“ auf der augenblicklich in Bremen stattfindenden Ausstellung „Landwirtschaft und Wirtschaft“ erstmalig der öffentlichkeit vorgeführt.

Einen sehr interessanten Beitrag zur Lösung des deutschen Kleinwagen-Problems liefert die Lloyd-Maschinenfabrik GmbH., Bremen. Das Werk – zu den Borgward-Betrieben in enger Beziehung stehend – hatte im vergangenen Jahr die Produktion der Elektrofahrzeuge und Hubstapler übernommen, bis es jetzt mit dem Klein-Personenwagen „Lloyd LP 300“ herauskam. Es handelt sich hier um einen kleinen Wagen für durchaus normale Ansprüche, wenn man voraussetzt, daß in keinem Pkw alle vier Plätze, ständig benutzt werden. Das Werk hat sich bei der Entwicklung und der jetzt in Vorbereitung befindlichen Serienproduktion von dem Grundsatz äußerster Wirtschaftlichkeit leiten lassen. Der Lloyd-Pkw verfügt über einen Zweizylinder-Zweitakt-Motor (300 ccm); seine Leistung beiträgt 10 bis 12 PS. Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 80 km in der Stunde und der Treibstoffverbrauch für 100 km auf 4 bis 5 l angegeben. Wenn man bedenkt, daß der Preis für diesen Kleinwagen sich auf kaum 2800 DM beläuft, dann wird man die Überzeugung bekommen, daß der „Lloyd“ durchaus die Käuferschicht gewinnen könnte, die vor dem Kriege schon „motorisiert“ war und bereit ist, auf einen gewissen Luxus zu verzichten. Auch wenn der „Lloyd“ schließlich „nur“ einen Sperrholzaufbau mit einem Sumit-Wasserschutzüberzug besitzt (lediglich Karosserieboden und Kotflügel sind aus Stahlblech), so muß doch in Rechnung gestellt werden, daß er im Monat kaum 4,50 DM an Steuern kostet ...

Zu einem maßgeblichen Teil wird also Bremens Kraftfahrzeugindustrie in den kommenden Monaten an der weiteren Aufwärtsentwicklung der deutschen Kraftwagenproduktion teilhaben, denn mit 78 423 Fahrzeugen hat die westdeutsche Produktion im ersten Drittel dieses Jahres die Ziffern des Jahres 1949 zu rund 48 v. H. erreicht und die des Jahres 1948 sogar um fast 28 v. H. übertroffen. Eine Broschüre, die der Verband der Automobilindustrie e. V., Frankfurt/Main, unter dem Titel „Die Bedeutung der Kraftfahrzeug- und Kraftverkehrswirtschaft“ als sehr interessante Studie herausgebracht hat und der das obenstehende Kartenbild entnommen ist, weist nach, daß 1949 der Gesamtwert der westdeutschen Fertigwarenausfuhr einen Exportanteil der deutschen Kraftfahrzeugindustrie von 5,5 v. H. aufwies. Westdeutschlands Automobilexport hatte 1949 einen Ausfuhrüberschuß von 97 Mill. DM, während er 1933 nur 21,9, 1938 jedoch 135,2 Mill. DM betragen hatte. Mit 811 300 Erwerbstätigen finden rund 6 v. H. aller in der gewerblichen Wirtschaft Westdeutschlands Beschäftigten direkt oder indirekt durch das Kraftfahrzeug ihre Arbeit. Es kann erwartet werden, daß diese Beschäftigtenziffer im Zusammenhang mit der steigenden Tendenz der Kraftfahrzeugproduktion im laufenden Jahr noch weiter anwächst. Willy Wenzke