Von Rolf Reißmann

Lindau, Ende Mai

Nicht weniger als fünfhundert Ärzte, die sich mit Seele befassen, kamen in Lindau zusammen. Alte Freudianer, wiedererstandene Soziologen à la Adler, Halbmagier im Sinne von Jung und ebenso nüchterne wie begeisterte Praktiker: eingeladen von der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie unter Leitung von Professor Dr. Speer. Die Herren, jenseits der Fünfzig waren die lebendigsten. Es knisterte von Gescheitheit im Saal. Gelegentlich wurden die Ausweise geprüft und Nichtmediziner hinausgebeten, weil allzu schaurige Abgründe der menschlichen Seele sich nicht für profane Zuhörer eignen. Die Diskussionen verliefen ruhig, denn das wäre ein schlechter Seelenarzt, der sich selbst nicht im Zaume hätte.

„Freud hat sich nie geirrt und nie etwas Richtiges gesagt“ – wenn auch überspitzt, ist dieses Urteil richtig. Freud, der zum ewigen Kummer seiner Schüler selber nie durchanalysiert worden war, sondern als Papst mit erheblichen Seelenflecken alle möglichen Komplexe behalten hatte (zum Beispiel, daß er verdächtigerweise seinen Vornamen niemals ausschrieb), wußte weder von der tiefgreifenden und heilenden Wirkung der Atemtherapie und des Atem-Erlebnisses, noch respektierte er jene psychischen Evidenzen, die dem Religiösen nahestehen. Ihn interessierte der psychische Mechanismus, nicht aber, ob etwa Puls und Atmung eines Patienten in einem natürlichen Verhältnis zueinander stehen. Inzwischen aber – und C. G. Jung und die Inder sind nicht unschuldig daran – erwuchsen aus der Freudschen Lehre ganz positive Vorschriften für die Lösung körperlicher Verkrampfungen und psychischer Spannungen: es entstand vor allem das „autogene Training“, wie es besonders Professor J. H. Schultz (Berlin) seit langem entwickelt hat.

Schultz gab in einer vielstündigen Vortragsreihe einen Überblick über seine Methode, Krankheiten und körperliche Leiden von der seelischen Basis aus anzugehen. Der Magen zum Beispiel ist nicht nur ein Verdauungsorgan, sondern, seelisch gesehen, ein Empfindungsträger: Magengeschwüre können aus anhaltendem Ärger entstehen. „Freud war noch in der glücklichen Lage, an die Materie zu glauben“, sagt Schultz. Heute weiß man, daß nicht die Materie den Körper gebaut hat: auf den leisesten seelischen Druck hin ist die ‚Materie‘ des Körpers zu unglaublichen Veränderungen fähig, im zerstörerischen wie im ausheilenden Sinn. Ob man (als Faustregel) mit Hypnose beginnt, um rasch grobschlackige Widerstände des Patienten zu überwinden, oder ob man sich durch Befragung oder Test allmählich vorfühlt: immer geht der Weg über den seelischen Kontakt, wenn man ernsthaft an die Heilung der Körperorgane herankommen will.

Die seelische Situation vieler Menschen ist durch ihren Beruf bedingt: jeder Beruf bringt spezielle Ärgersituationen mit sich und belastet damit indirekt bestimmte Organe. Professor Kretschmer (Tübingen) hat es noch nie erlebt, daß ein Briefträger oder ein Bienenzüchter in eine Nervenheilanstalt eingeliefert worden ist, und auch die anderen Ärzte hatten so etwas nie gehört. Das sind gesunde Berufe. Aber unter den paranoisch Erkrankten befinden sich viele Erzieherinnen: sie stehen in einer sozial vollkommen unausgeglichenen Situation; einerseits sollen sie „fein“ und gebildet sein, andererseits verweigert man ihnen die soziale Gleichberechtigung; einerseits wird von ihnen pädagogische Sicherheit verlangt, andererseits sind sie immerfort in eine demütigende Defensive gedrängt. Diese Klemmlage bildet den traurigen Nährboden für schwere paranoische Erkrankungen.

Das Instrument, mit dem die Seele den Körper steuert, ist vornehmlich das Drüsensystem, wobei die Hypophyse die anderen Drüsen zentral lenkt. Die einzelnen Drüsen werden dadurch aufeinander abgestimmt, ja häufig in ein direktes Gleichgewichtsverhältnis zueinander gesetzt.