Sichtbarster Beweis des neuen Lebens, das aus den gigantischen Ruinen des Rheinmetall-Geländes blüht, ist gegenwärtig jener Bereich, dessen neuerbaute Front den Namen Gollnow trägt. Durch einen wuchtigen Büroturm hat Prof. Bruno Paul, der Architekt der Firma, das langgestreckte Rechteck einer 10 000 Quadratmeter großen Halle zu einem akzentuiert geschlossenen Fabrikbau umgestaltet, der nicht nur funktionell, sondern auch rein ästhetisch vollendet ist. Das kräftige Orangerot der Dachkonstruktion ragt ins Blau des rheinischen Himmels, als hätte man mit Sonnenstrahlen statt mit Stahl gebaut, und auch im Innern, wo sauber gestaffelt die größtenteils nagelneuen Werkzeugmaschinen stehen, herrscht eine ausgeklügelte Farbenfreudigkeit, die „ausruhende“ Farben, wie etwa ein tiefes, sattes Grün für unbewegte Maschinenteile, mit „erregenden“ Farben für Bedienungshebel kontrastiert. Der erste Eindruck, daß es sich in solcher Umgebung gut schaffen lasse, wird bestätigt durch den zügigen Fluß der Produktion, wird reflektiert in den Gesichtern der schon fast tausendköpfigen Belegschaft, wird ausgesprochen sowohl im rheinischen wie – und hauptsächlich – im Stettiner Platt...

Denn erst seit Anfang dieses Jahres hat die Firma Gollnow ihren Sitz nach Düsseldorf verlegt. Davor lagen fünf Jahre einer praktisch heimatlosen und dadurch schrecklichen Zeit. Und davor wiederum 111 Jahre – von 1833 bis 1944 –, während derer Stettin die Heimat des Hauses gewesen ist. Das Epos der deutschen Industrie, vom Bombenregen und drohender Totalvernichtung durch den Morgenthau-Plan bis zum Marshall-Plan und wiederbeginnender Weltgeltung, ist noch nicht geschrieben; zweifellos aber müßte ein Kapitel darin dem Hause Gollnow gewidmet sein. Nicht viele deutsche Industriefirmen können auf das respektable Alter von 117 Jahren blicken. Noch weniger sind, wie Gollnow, vier Generationen lang in den Händen der gleichen Familie und dabei vital geblieben. Und beinahe einzigartig ist wohl der Fall, daß ein so tief mit seinem Boden verwurzeltes Haus nach totaler Zerbombung, nach dreimaligem Umzug, mit seiner Stammbelegschaft „überlebt“ hat, und, mit praktisch Nichts beginnend, sich eine neue Heimat und einen Platz an der Weltmarktsonne zurückerobern konnte.

Internationalen Ruf als Brückenbauer besaß die Firma schon um die Jahrhundertwende. In achtunddreißig Ländern auf vier Erdteilen wurden seither in raschem Aufstieg Hunderte von Brücken und verwandte Stahlbauten erstellt, darunter „erstmalige“ und „größte“, wie die einarmige Klappbrücke über den Trollhättakanal, das Schiffshebewerk Niederfinow und die größte Montagehalle Europas. Daneben erzeugte die 4000köpfige Belegschaft des Stettiner Werks komplette Kraftwerke, Kesselhäuser, Fabrikanlagen und „schlüsselfertige“ Großbauten wie Büro- und Krankenhäuser.

Bereichert um die „leichteste Brücke der Welt“, eine Seilträgerbrücke für gerüstlose Montage, die gewissermaßen wie ein Regenschirm sich aufspannen läßt, hat dies umfangreiche Produktionsprogramm auch heute wieder in zweiunddreißig Ländern Absatz gefunden. Daneben aber läuft bereits seit zwanzig Jahren eine Entwicklung zur Elektromechanik, die sich aus Pionieraufträgen für höchste stählerne Funkmaste ergab. Wissenschaftliche Beherrschung der dabei auftretenden elektrischen Probleme erforderte eine starke Erweiterung der Forschungsabteilung. Mit deren Personal und den alten Werkmeisterkönnern als menschlich wertvollstem Besitz wurde nach dem Krieg die Gollnow Elektromechanik G.m.b.H. gegründet und hat bereits eine ganze Reihe von hochinteressanten Produkten zur Fabrikationsreife gebracht.

Da ist zunächst „Geac“, ein geo-akustisches Suchgerät zur Auffindung Verschütteter, das durch Erd- und Gesteinschichten bis zu hundert Meter Dicke nicht nur Klopfsignale, sondern auch unwillkürliche Lebenregungen (wie Atmen, Stöhnen u. a.) registriert und lokalisiert. Ihm verwandt ist „Geac Lux“, ein Überwachungsgerät für Materiallager, Plantagen, Schiffsräume und dergleichen, das kilometerweit jede Annäherung, sei sie menschlich, tierisch oder mechanisch, zuverlässig ortet. Der größte mechanische Erfolg – auch auf dem Exportgebiet – indessen ist „Echo“, leistungsmäßig ein verbesserter Vollsuper, aber durch völlig neuartige Konstruktion auf die Dimensionen eines Kleinsupers gebracht. Kristallglas-Rundgehäuse, innen versilbert, vergoldet oder verkupfert, wirken wie kein anderes Material juwelenhaft und „sensationell“.

Charakteristisch für Gollnow ist das „teamwork“ zwischen dem Geist der freien Forschung und dem Geist des freien Unternehmertums. Es ist keineswegs ein Zufall, daß eine industrielle Potenz von solcher Dynamik gerade im dynamischen Düsseldorf offene Tore und finanzielle Unterstützung gefunden hat: nicht nur das Gegensätzliche, auch das Verwandte zieht einander an.