Von W.-O. Reichelt

Düsseldorf wird oft „der Schreibtisch der Industrie“ genannt – Köln dagegen der Schreibtisch der Kardinäle. Die Bezeichnung ist richtig, aber nicht vollständig. Seit im 14. Jahrhundert die bergischen Fürsten Düsseldorf zur Residenz gemacht hatten und das Leben am Hofe der Stadt Gestaltung und Lebensstil gegeben hatte, sind doch in den letzten 100 Jahren einige Generationen ins Land gegangen, die diesem Schnittpunkt der Straßen und diesem Handelszentrum am Rande des Ruhrgebietes ein völlig neues Gesicht gaben. Sinn für das Praktische und ein Zug zum Großen, Aufgeschlossenheit des rheinischen Menschen und die Lebendigkeit der Industrieentwicklung auf den reichen Kohlenlagern der ganzen Umgebung haben aus allen Teilen Deutschlands unternehmerische und kaufmännische Persönlichkeiten angezogen. So kamen die Poensgens aus der Eifel, die Mannesmann aus Remscheid, Haniels schwerer Maschinenbau aus Wesel und Lueg aus Dinslaken, Schieß aus Magdeburg und Ehrhardt aus Thüringen. Jagenberg verlagerte seine Papierverpackungsmaschinen aus Solingen hierher; der Begründer neuzeitlicher Bergbaumaschinen, Hasenclever, stammte aus dem Bergisehen. Aus dem Siegerland brachten Capito und Klein die Herstellung hochwertiger Feinbleche; der Kesselbau kam mit Piedboeuf aus Belgien. Henkel, der wichtigste deutsche Waschmittelbetrieb, stammt aus dem Hessischen; Ferdinand Heye brachte die Hohlglasherstellung aus Niedersachsen; Plange kam aus Soest.

Der Düsseldorfer selbst hat mit großer Aufgeschlossenheit und Kombination das Neue in sich aufgesogen, wirtschaftlich und fabrikatorisch verwertet. Zwischen den Weltkriegen wuchs die Bedeutung dieses Platzes als Verwaltungsstadt der Wirtschaft, „neutral“ zum Ruhrgebiet und doch in seiner Nähe. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts sinken die industriellen Organisationen der Eisenhüttenindustrie von der Ruhr, von der Saar, von Lothringen und vom Siegerland an die Düssel; hier entstand der Verein Deutscher Eisenhüttenleute; hier war das Kaiser-Wilhelm-Institut für Eisenforschung; hier entstand der Langnam-Verein. Auch heute sitzen die Wirtschaftsvereinigung der Eisen- und Stahlindustrie, die Fachstelle für Stahl und Eisen, die Deutschen Stahltreuhänder in den alten traditionsschweren Straßen, und um sie herum beherbergen Düsseldorfs Mauern rund 40 bis 50 weitere Wirtschaftsverbände aller Art, darunter fast alles, was Fachgebiet Eisen und Stahl angehört.

Diese Konzentration von Verwaltungen hat sich in den letzten Jahren im Zuge des Aufbaues der Landesregierung noch verstärkt. So hat die Stadt andere weitreichende Zweige der Wirtschaft und andere Interessengebiete des Lebens angezogen. Immer wieder hat die stärkste Anstoßwirkung das Ruhrgebiet gegeben. Das Düsseldorfer Industriesystem mit seiner Erzeugung von Rohstahl, Walz- un Gießereieisen, in seinem nördlichen Vorgelände, ergänzte sich durch die Weiterverarbeitung von Halbzeug, Stabeisen und Blechen in allen nur denkbaren Fertigungen der schweren und leichten Weiterverarbeitung. Der Düsseldorfer Maschinenbau, beste Plattform für die Arbeit zahlreicher Konstruktions- und Ingenieurbüros, großer Devisenbringer und Schöpfer ganzer Industrieanlagen von der schwersten Drehbank bis zur feinsten Armatur, steht heute wieder stark und vielseitig im Zentrum wirtschaftlichen Geschehens. Aber auch der Bauindustrie, der Verpackungsfirmen, der Herstellung von Haushaltsbedarf, der Büroindustrie, den Firmen elektrotechnischen Bedarfs, der keramischen Industrie, der optischen und chemischen Industrie, der Fabrikation von Bekleidung, Leder und Pharmazeutika soll gedacht werden.

Die politische Neugliederung in Westdeutschland hat die an sich schon unbestreitbare Gunst der Lage dieser Stadt neuen Auftrieb gegeben. Industrie, Handel und Handwerk streben hier aus ihrem geographisch-politischen Lebensraum heraus und sind im Wechselspiel von Wirtschaft und Verwaltung Träger und Mitschöpfer an einem über den Partikularismus hinausreichenden großen deutschen Wirtschaftsraum.