Opern-Uraufführung in Stuttgart

Stuttgart, im Juni

Hermann Reutter, der Komponist der heuen, in Stuttgart uraufgeführten Oper „Don Juan und Faust“ (nach Christian Dietrich Grabbe), wird diesen Monat 50 Jahre alt. Er gehört zu jenen modernen Musikern, die eine gewisse Breitenwirkung erzielten. Wenn nun sein neuestes Werk bei der Stuttgarter Aufführung nicht das hielt, was man nach seinen bisherigen Opern erwarten durfte, so zeigt sich mit beängstigender Deutlichkeit, wie wenig es den heutigen Komponisten gelungen ist, über die großen Grenzverko des Aufbruchs, Strawinskys „Ödipus rex“, Hindemiths „Cardillac“ und Alban Bergs „Wozzek“ hinauszukommen. Reutter hat sich in seinem neuesten Werk einem durchgehenden Rezitativstilverschrieben, in dem jede ariose oder liedhafte Ausladung, jede symphonische Füllung zugunsten einer angestiegen (aber nicht erreichten) absoluten Wortverstandlichkeit asketisch vermieden wird. Das Ensemble ist fast völlig weggefallen, das chorische Element total. Die symphonischen Partien beschränken sich auf knappe Zwischenaktmusiken. Weite Strecken der Rezitative sind nur knapp orchestral unterbaut, manchmal schweigt sogar das Orchester. Dabei beansprucht das Werk einen großen Orchesterapparat und stellt in seinen Stimmansprüchen Forderungen, die nur von größten Bühnen zu erfüllen sind. Es zeigt sich auch hier jene Diskrepanz von Werktypus und Aufführungsmitteln, die das Bild der heutigen deutschen Oper fast durchweg beherrscht.

Die Inszenierung von Walter Jockisch entwickelte sich aus den Forderungen des Schauspieltheaters. Was aber anfänglich interessierte und spannte, ernüchterte schließlich. Aber man möchte die Revisionsmöglichkeit dieses Eindrucks in den Aufführungen an anderen Orten erhoffen!

K. F. Reinking