Von Christian E. Lewalter

Radikalem Fragen läßt sich nicht vorwerfen, daß es versäume aufzubauen. Sein Geschäft ist es ja gerade, zu untergraben, die Wurzeln bloßzulegen, Illusionen zu zerstören, den Schein zu durchdringen. Dabei kommt dann gewiß dem Frager und dem, der auf das Fragen hört, alles wohlige Gefühl der Geborgenheit abhanden. Sie geraten in einen Schwindel, der Seekrankheit vergleichbar. Nirgendswo außer ihnen ist ein Halt.

So ergeht es jedem, der sich von den Radikalen, von Kierkegaard, von Nietzsche, von Gide, von Bernanos den Spaten in die Hand geben ließ. Ihn fortwerfen und sich unter ein Notdach flüchten – oder standhaft weitergraben: etwas Drittes gibt es nicht.

Jean-Paul Sartre gräbt weiter und ist ein Ärgernis für alle, die wähnen, im Sturm dieses Jahrhunderts hielten die alten morschen Behausungen stand. Seine Dramen und Romane sind das werkgewordene Unbehagen an der modernen Welt, die erfinderische Beschreibung der Unruhe in ihrem Uhrwerk. Akte der Psychotherapie gewissermaßen, in denen Diagnose und Heilung zusammenfallen.

Der deutschen Kritik an Sartre scheint es bis heute versagt zu sein, die sokratische Ironie seines Unternehmens zu fassen. Das Erscheinen der deutschen Ausgabe des Romans „Der Aufschub“ (wie alles von Sartre bei Rowohlt, Stuttgart, Hamburg, Baden-Baden und wiederum mit bewundernswerter Treffsicherheit übersetzt von Hans Georg Brenner) könnte da eine Wendung bringen. Denn nun sollte auch der lässigste Wille nicht mehr verkennen dürfen, daß Sartre die „Wege der Freiheit“ (deren zweiter Teil dieses Buch ist) nicht auf ein utopisches Ziel zuführen zu lassen gedenkt.

Mathieu Delarue, der Intellektuelle „von der Straße“ (de la nie), ein hölzernes Eisen schon nach Name und Art, ist durchaus ein negativer, ein komischer Held. Der Sophist und Don Quixote der Freiheit. Er zog (in „Zeit der Reife“, dem ersten Teil) aus, die Freiheit – von den Vorurteilen der bürgerlichen Moral, vom religiösen Glauben, von den sozialen Tabus – in schnöder Selbstgefälligkeit vorzuleben, und scheiterte an seiner Unfähigkeit, robust genug zu verfahren. Er wurde um die beschämende Erkenntnis reicher, daß Freiheit und Vornehmheit zwei elektrische Pole sind, zwischen denen der Strom des moralischen Lebens unfixierbar kreist, und daß die gute Tat aus schlechten Motiven willkommener sein kann als alles unabhängige Handeln.

Die sieben Tage des „Aufschubs“ nun – die Tage von Godesberg bis München 1938 – werfen den Erzindividualisten in das Massenereignis der vorsorglichen Mobilmachung. Es ist gar nicht oft von Mathieu die Rede auf diesen vierhundert Seiten. Hitler, Chamberlain und Daladier, ein tumber Schäfer aus den Cevennen, Gelähmte und ihre Pflegerinnen, eine Damenkapelle, soignierte Weltleute, Sekretärinnen, verzweifelte Bohemiens, Arbeiter und Kleinbürger, tschechische Patrioten, deutsche Juden, französische Pazifisten und Kommunisten, Prostituierte und Soldaten – die ganze europäische Gesellschaft wird durcheinander gewirbelt, und! Mathieu, der Mann der Elite, ist nur ein Stäubchen in dem Geschiebe und Getriebe.