In Moskau angekommen, brachte man uns in einem bequemen Zimmer im Hotel Metropol unter. Wir riefen gleich alle amerikanischen und deutschen Freunde an, die wir in der Hauptstadt wußten und besuchten manche von ihnen. Dann wurde schon unser erster Moskauer Spaziergang der Auftakt für alles, was folgen sollte: Auf der die mir bei meinem ersten Aufenthalt vor sieben Jahren eine gute Freundin gewesen war. Jetzt vereisten ihre Züge so, daß wir kein Zeichen des Wiedererkennens zu geben wagten. Sie blieb vor einem Schaufenster stehen, als ob sie sich die Auslagen betrachtete. Wir machten vor demselben Fenster Halt. Ohne einen Muskel zu bewegen und indem sie in die andere Richtung blickte, flüsterte die Frau: "Was tun Si hier? Sind Sie verrückt? Sehen Sie um Gottes willen zu, daß Sie wegkommen!" Dann ging sie weiter. Wir brauchten nichts weiter zu unserer Überzeugung, daß wir Idioten gewesen warm, als wir uns in Helenes Narrenfalle hatten rangen lassen. Wie ein Leichentuch hing die Angst übet der Stadt Überall schrien Lautsprecher die Nachrichten von den Säuberungsprozessen in die Gegend und brüllten Worte wie "Verräter . Spion. Tolle Hunde!" Russen, die uns von früher her kannten, aber auch einige ausländische Kommunisten wichen mit Schrecken vor uns zurück.

Monate hindurch wurden wir langen und verwickelten Verhören unterzogen, oft bis in die frühen Morgenstunden hinein. Schauplatz der Handlung war unser eigenes Hotelzimmer, wohin die Mahlzeiten vom Eßzimmer hinaufgeschickt wurden. Die Inquisitoren waren vor allem "Peter" und "Helene" Zubilin, während Spiegelglass, der Mörder Ludwigs, nur in kritischen Fällen eingriff. Hin und wieder beteiligten sich noch andere Personen, in Uniform oder Zivil. An der Oberfläche herrschte ein freundlicher Ton— war es ein Versuch, alles, was wir über Ludwig und andere, mit denen wir zusammengearbeitet hatten, zu erfahren. Aber darunter lauerte die unausgesprochene Drohung. Jeden Tag schien das Ende unserer Freiheit gekommen. Da Paul und ich davon überzeugt waren, daß jedes Wort in unserem Zimmer mitgehört wurde, unterhielten wir uns flüsternd, außer wenn unsere Worte für die Behörden bestimmt waren. Die Kniffe, die wir in Berlin gelernt hatten, um der Gestapo zu entgehen, erwiesen sich als nützlich auch in Moskau. Wahrscheinlich ist es unsere Rettung gewesen, daß ein großer Teil der amerikanischen Kolonie das Katze und MausSpiel beobachtete. Einige amerikanische Freunde, die sich täglich telephonisch meldeten, waren entschlossen, die amerikanische Gesandtschaft zu alarmieren, falls wir länger als 24 Stunden nichts von uns hören ließen. Tatsächlich hatte Louis Fischer, Korrespondent der Nation, Loy Henderson, der zum Gesandtschaftsstab gehörte, den Wink gegeben, daß es sich lohne, einen der amerikanischen Touristen, nämlich mich, genau im Auge zu behalten. Acht Monate lang hielten Louis, seine Frau Marfcooscha und ihre Söhne, die ich vor langer Zeit in Berlin bemuttert hatte und die nun stämmige Burschen von 15 und 14 waren, Wache über uns. Eine Reihe von Parties wurden im Hause der Fischers gegeben mit der Absicht, die Kolonie auf uns aufmerksam zu machen. Und all das beobachteten und verstanden die zahllos lauernden Agenten vollkommen. Ein anderer Amerikaner, der uns getreulich bewachte, war Albert Rhys Williams. Es gab nur wenige Tage, an denen er nichts von sich hören ließ; auch er war notfalls bereit, die Gesandtschaft zu mobilisieren. Ein weiterer amerikanischer Freund, Corliss Lamont, kam in dieser Zeit mit Deiner Frau, nach Moskau. Als ich versuchte, Corliss die schlimme Lage, in der wir uns befanden, zu beschreiben, sah er mich entsetzt an, als ob ich von Sinnen sei. Er war viel zu sehr auf den Sowjetismus eingeschworen, als daß er meine Lage ernst nehmen konnte. Ich bat ihn, Roger Baldwin von der amerikanischen Union für kehrte, damit Roger das State Department benachrichtigen könne, falls wir "verschwänden". Aber wie ich später erfuhr, sagte er Baklwin nur: "Meine Güte, Hede ist aber sauer geworden!" Es gibt keine Grenze für die bedauerliche Naivität von Stalins Anhängern in Amerika.

Nach den ersten Monaten begannen Paul und ich, uns um unsere Rückreise Visen zu bemühen. Man versicherte uns, daß es sicherer sei, zu bleiben, da "die amerikanische Polizei nach uns fahnde". Man hielt uns um unserer eigenen Sicherheit willen in Rußland fest! Die Zubilins redeten uns zu, zur Erholung in ein kaukasisches Sanatorium zu gehen und dort unsere Nerven aufzufrischen. Schließlich gaben wir nach und gingen nach Lislovodsk, ohne zu wissen, ob wir je wiederkehren würden. Wir lebten in einem herrlichen Kurort für das höhere NKWDPersonal, wo Essen, Getränke, Unterhaltung, Ärzte und Masseure im Überfluß vorhanden waren. Es fehlte nur ein lächelndes Gesicht. Wir nahmen an, daß die Absicht war, uns mit der Macht der NKWD zu beeindrucken und mit den Vorurteilen, die man durch sie erlangte. Fraglos wurde aus demselben Grunde mehrmals versucht, uns in das üppige Gesellschaftsleben der oberen Polizei Hierarchie hineinzuziehen. Doch ausgerechnet Noel und Hertha Field sollten schließlich unsere rettenden Engel werden. Ohne es zu wissen, holten sie uns durch ihr rechtzeitiges Erscheinen in Moskau aus der Vergessenheit hervor, aus derselben Vergessenheit, die sie selbst Hitlers Rache entgangen waren, von ihren sowjetischen "Rettern" gefangengenommen oder erschossen wurden. FeKxSilbersteinzumiBeispiel, Ludwigs Gehilfe, dessen Sohn in Berlin in meiner Obhut gewesen war, beging Selbstmord, weil man ihn sonst ermordet hätte. Man erzählte mir, er habe, als er den Schuß in die Schläfe abfeuerte, gerufen: "Ich werde nichts bekennen! Sie sollen mich nicht kriegen!" Der "Lange", der seltsame ehemalige Mönch, war längst erschossen worden. Anton, den Photographen, hatte man liquidiert, wie "Peter" Zubilin mir mit großer Schadenfreude mitteilte. Und so weiter .

Wir hatten wenig Lust, vor diesem blutigen Hintergrund in Moskau die Helden zu spielen. Und wenn wir der langen Belagerung dennoch standhielten und uns hartnäckig weigerten, unseren Entschluß, aus der Untergrundbewegung auszutreten, zu ändern, so geschah das mehr aus Verzweiflung denn aus Heldenmut. Wir waren vollkommen davon überzeugt, daß jede Nachgiebigkeit nur unseren Untergang besiegeln würde. Oft hörte mein New Yorker Boss Fred, der ebenfalls nach Moskau kam, bei den Verhören zu, und noch heute tut es mir leid, daß ich ihn aus Versehen einmal in eine prekäre Lage brachte. Die Briefe von Ludwig waren das ständige Objekt der Verhöre, und ich beging den verheerenden Fehler, zu erwähnen, daß ich Auszüge aus den früheren Briefen Fred vorgelesen hatte. Aber weder er noch ich hatten die Bedeutung gewisser Stellen begriffen, die im Lichte späterer Ereignisse wie versteckte Anspielungen auf Ludwigs geplanten Abfall klangen. Hätte ich das verstanden, so hätte ich sie Fred nicht vorgelesen, und hätte iFred verstanden, so hätte er wohl das Hauptquartier benachrichtigt. Diese Unterlassung sah jetzt nach absichtlichem Verrat an Moskau aus. Als man uns konfrontierte, leugnete er, jemals auch nur von diesen Briefen gehört zu haben. Ich dagegen hatte die Tatsachen zu oft wiederholt, um nun davon abgehen zu können, ohne die a e Sache wie eine Verschwörung zwischen i?rcu ~A ~oi.

i? pn SAur— Ludwigs erscheinen zu lassen. Es trat muui uu> Herz, Freds traurigen vorwurfsvollen Blick aufzufangen, des einzigen Vorgesetzten in Amerika, dem ich Respekt entgegengebracht hatte. (Die Entwicklung führte im achten Monat unserer merkwürdigen Verhöre zur Krisis, im Juni 1938. Ich nahm gerade meine Post im sah, der an Noel Field, den früheren State Frage erfuhr ich, daß er nd seine Frau Hertha seit einer Woche in Moskau waren umd in einem kleinen Hotel wohnten (Dort fanden wir sie, und obwohl man ihnen gesagt hatte, sie möchten uns aus dem Wege gehen, begrüßten sie uns unter Umarmungen und Küssen. Wir schleiften sie in unser Zimmer im Metropol. Beide sangen große Lobesfaymnen auf die Ruhmestaiteni der Sowjets. Als wir von den Verhören und Terroraktionen und schließlich von der Ermordung Ludwigs anfingen, vereisten sie. Noels Hauptgegenargument war, daß zweifellos durchgreif enihnen in Genf viel zu wichtig, als daß er als Augenzeuge erleben sollte, wie amerikanische Agenten mit Gewalt bei der Stange gehalten wurden. Kaum mehr aas eine Stunde war vergangen, als Fred kam und uns die Dokumente, tadellos in Ordnung, übedMaebte. Die Fahrkarten könnten wir morgen im Intourist Bureau abholen, meinte er neidisch — Wir versuchten, nicht allzu glücklich zu sein. Vielleicht war es eine FaMe, und wir würden bald an der Grenze ei ngefamg! werden. Wir verbrachten soviel Zeit wie möglich mit unseren amerikainischeii Freunden, damit, falls es schief ging, Zeugen zu finden sein würden. Am nächsten Abend bestiegen wir den Zug, und eine Reihe von Amerikanern brachte uns a die Bahn, wie wir vereiirnbart hatten. Aber erst als wir am nächsten Morgen die finnische Grenze passierten, wagten wir frei zu atmen. In wortlosem Glück drückte ich Paul die Hand. Das unglaubliche Wunder war geschehen, wir waren auf dem Wege nach Amerika. Daheim angekommen, hielten wir es für wasere Pflicht, unseren engeren kommunistischen Freunden mitzuteilen, daß wir uns von der Sache losgesagt hatten. Wir schilderten ihnen, was wir in Rußland gesehen hatten, und erklärten ihnen, warum wir für immer von jedem totalitären Staatswesen genug hätten. Aber es half nur wenig. Komrouinismius ist eine Krankheit, gegen die man nicht mit Tatsachen und Logik angdien kann; sie wurzelt in Gefühlen. Ständig habe ich auch mit dem Gedanken gespielt, mit meiner Geschichte zum, staatlichen Sichenheitsamt gehen, aber das öefwurzelmde die Polizei, das in den z Revolutionsbewegwng e: nicht so leicht beseitigen.

Gedanke, durch die oft werden, mich zurijckhineten Coüege. Wir WO KP W O Ch® S vergessen werden Alber am Ende kam dianin doch 1946, die Polizei au mir. In gewislalt war ich erleichtert, daß die Entschei nun abgenommen war, ond ich erzählte was ich wußte. WideriwiiHiig und nach Vorlaut , unter Strafandrohung erschien ich endlich vor dem Komgreßaiusschiuß,dann, vor dem Schwurgericht und schließlich vor dem Bundesgerkht am Pflichtbewußtsein und ohne die geringste Erbitterung gegen Alger Hiss, um dessen Prozeß es ging, und die Menschen, deren Namen ich nennen mußte. Schließlich kann ich ja nichts über sie sagen, was nicht genau so für mich selbst zuträfe. Viel zu gut verstand ich den unerbittlichen Geltungstrieb und die idealistische Sehnsucht, die sie — wie mich — daeiu getrieben hatten, als Figuren in Stalins Schachspiel um die Macht zu dienen.