In diesen Tagen, spätestens in einigen Wochen, wird Präsident Truman einen wichtigen Beschluß fassen müssen. Denn, wie Steward Alsop in der New York Herald Tribune berichtete; "Ein großer unterirdischer Kampf ist in Washington entbrannt". Und nur das Wort Trumans kann ihn entscheiden. Es geht um die künftige Strategie Amerikas im Kalten Krieg. Die Gegenspieler sind Außenminister Acheson und Verteidigungsminister Louis Arthur Johnson.

Der Verteidigungsminister Amerikas ist, nach dem Präsidenten und dem Obersten Richter, die dritthöchste Amtsperson in den USA. Ihm unterstehen drei Kabinettsmitglieder im Ministerrang (die Sekretäre von Armee, Flotte und Luftwaffe). Ein Sohn unbemittelter Eltern, hatte Johnson sich zu einem der erfolgreichsten Indutrie-Anwälte der Staaten mit einem Tageseinkommen von 1000 Dollar emporgearbeitet, ehe er im vorigen Jahr ins Pentagon einzog. Damals sagte er der Presse: "Wer anderer Meinung ist als ich, der hat keinen Platz im Ministerium." Der "Zwei-Meter-Zwei-Zentner"-Johnson hat das Wort gehalten. Sein Ehrgeiz und seine Dynamik halfen dem heute 59Jährigen die Verschmelzung der drei streitenden Wehrmachtsteile gegen alle Widerstände zu vollziehen.

Es ist wohl wahr, daß Johnson sein Amt forderte und erhielt, nachdem er Präsident Truman 1948 mit 1,6 Millionen Dollar ausgeholfen hatte; ohne dieses Geld hätte Truman keinen Sonderzug mieten, keine Radiozeit kaufen, keinen Wahlfeldzug führen können. Böse Zungen sprachen daher bei Johnsons Amtseinführung von seiner "Inauguration"; ein Ausdruck, der sonst nur der Vereidigung des Präsidenten vorbehalten ist. Und es ist wahr, daß er auch schon 1937 von Roosevelt aus Dankbarkeit zum stellvertretenden Kriegsminister gemacht worden war; als Präsident der amerikanischen Veteranen-Organisation hatte er vier Jahre zuvor die American-Legion von einem "Marsch auf Washington" abgehalten. Aber auch dieses steht fest: Johnson hat Qualitäten bewiesen, die ihn zu höher Staatsstellung in den USA prädestinieren.

Schon 1938 nahm er die Kriegsgefahr sehr ernst. Er bereitete seinerzeit die amerikanische Industrie auf ihre Kriegsaufgabe vor in einer Weise, daß ihn die Kapitalisten als "Kollektivisten", die new dealer als "Faschisten" verschrien. Sein 1939 erschienenes Buch"Prepare Your Business for War" rief einen Sturm der Kritik hervor. "Wir wollen, rüsten, schnell rüsten", sagte er damals, "sonst kommt die Dunkelheit über uns, ehe wir fertig sind, und findet uns unvorbereitet." Und seine ein Jahr später im Jahre seines Ausscheidens aus dem Staatsdienst erteilten Befehle über die Lieferung amerikanischen Kriegsmaterials an England waren selbst für amerikanische Begriffe ein riskantes Unternehmen.

Dieser Mann, der wie kein anderer Amerikaner für den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg plädierte, ist nun in der Debatte über die Eventualität eines Dritten Weltkrieges mit dem Außenminister seines Landes in Streit geraten. Johnson bezweifelt entschieden die Notwendigkeit der von Acheson geforderten Stärkung der Atlantikunion, bevor die Sowjetunion ihrerseits ihre Rüstung vollendet hat. Drei Tage, nachdem Acheson im vergangenen Monat vor einem Kongreß-Ausschuß erklärte, die Dollarkurve des militärischen Ausland-Hilfe-Programms müsse in den nächsten Jahren immer weiter ansteigen, erklärte Johnson vor dem gleichen Gremium, seiner Meinung nach könnten die Raten des militärischen Hilfe-Programms in den nächsten Jahren ständig gesenkt werden. Johnsons Haltung läßt zwei Möglichkeiten offen: Entweder glaubt er, daß die westliche Welt in ihrem gegenwärtigen Zustand stark genug sei, die Sowjetunion auch nach vollendeter Aufrüstung von einem Angriff abzuhalten; eine Ansicht, die von niemandem in Washington geteilt wird. Oder aber er rechnet mit einem Kriege, bevor der Kreml seine Vorbereitungen beendet hat. In dem Entschluß Washingtons, in den Korea-Krieg einzugreifen, ein Entschluß, der fraglos nicht zuletzt auf Johnsons Initiative zurückgeht, könnte man eine Teilantwort auf dieses Entweder-Oder sehen. Claus Jacobi