Von Walter Fredericia

Wie entsteht in meinem Körper eine Erschütterung, wenn ein anderer einen Witz erzählt? Warum beginnt mein Körper Tränen abzusondern und zu schluchzen, wenn ich vom Tode eines anderen Menschen erfahre? Dem Drehpunkt dieses Kausalverhältnisses können wir nicht auf die Spur kommen, weil es genau der Punkt ist, der Leib und Seele verbände, wenn das cartesianische Modell des Menschen mit seinen zwei Substanzen, der ausgedehnten (Körper) und der denkenden (Seele), richtig wäre.

Die meisten Menschen werden sagen, daß sie gern lachen und ungern weinen. Aber ist das auch wahr? Zwar lieben die Menschen, was sie zum Lachen bringt, z. B. den Witz, und verabscheuen, was sie zum Weinen bringt, z. B. das Leid. Aber wenn man schon einräumt, daß sie gern lachen, so muß man doch fragen, ob sie nicht auch gern weinen. Denn Lachen und Weinen sind natürliche Reaktionen auf Erregungen, und der Mensch tut alles gern, was seinem Leben natürlich ist. Es läßt sich also nicht einmal dieser Unterschied zwischen Lachen und Weinen sicherstellen, der uns vorher so selbstverständlich war. Daraus mag man die Schwierigkeiten erkennen, denen sich derjenige gegenübergestellt sieht, der das Problem des Lachens und Weinens lösen möchte.

Einen solchen Versuch hat Helmuth Plessner, zur Zeit Lehrer an der Universität Groningen („Lachen und Weinen eine Untersuchung nach den Grenzen menschlichen Verhaltens“, Leo Lehnen Verlag, München), unternommen. Er hat eine doppelte Kompetenz als Philosoph und Biologe, doch kommt es schließlich fast allein auf die erstere an. Plessner, der damit in die lange Reihe der Philosophen des Lachens tritt und die kurze der Philosophen des Weinens bereichert, begreift das Lachen und das Weinen als menschliche Ausdrucksformen. Es handelt sich ihm also nicht um Ästhetik und Psychologie des Komischen und des Tragischen, sondern um die unmittelbare Frage nach der menschlichen Natur, die sich darin äußert. Dabei geht er, indem er den Menschen im Gegensatz zu Descartes als Ganzheit betrachtet, vom Verhältnis des Menschen zu seinem Körper aus. Dieses Verhältnis beruht darauf, daß der Mensch seinen Körper einmal als Ich, zum andern als ein Mittel seiner eigenen Aktionen erlebt, wobei dann das Ich das Mittel beherrscht. Beim Lachen und Weinen ist dies letztere jedoch nicht der Fall, sie haben mit den (beherrschten) Äußerungsformen der Sprache und der Gebärde nichts gemein. Ihr eruptiver Charakter rückt sie in die Nähe des Emotionalen, doch trennt sie davon ihre Form: „Während Zorn oder Freude, Liebe oder Haß, Mitleid und Neid am Körper eine symbolische Ausprägung gewinnen, welche die Art des Affektes in der Ausdrucksbewegung erkennbar werden läßt, bleibt die Äußerungsform des Lachens und Weinens undurchsichtig und trotz aller Modulationsfähigkeit weitgehend in ihrem Ablauf festgelegt“. Von dieser Seite scheint es, als gehörten sie in den Kreis der Vorgänge des Errötens, Erblassens, Erbrechens, Hustens, Niesens und anderer, den willkürlichen Einflüssen weitgehend entzogener vegetativer Prozesse, doch genügt auch dieser Aspekt nicht, weil zum Lachen und zum Weinen die „sinnvolle und sinnbewußte Beziehung auf einen Anlaß“ gehört.

So kommt Plessner zu der Folgerung, daß Lachen und Weinen Ausdrücke sind, mit denen der Mensch, besser: mit denen sein gleichsam verselbständigter Körper das mit seinen sonstigen Ausdrucksmitteln Unbeantwortbare beantwortet, wodurch er sich der Spannung entzieht, in die ihn das Unbeantwortbare versetzt hat. Plessner bezeichnet das als eine „Desorganisation“ zwischen dem Ich und dem Körper, eine Störung des sonst zwischen dem Ich und dem Körper bestehenden Verhältnisses, indem der letztere im Lachen und Weinen selbständig reagiert und die Spannung abbaut, obwohl sie ihm durch das Ich, also durch das Bewußtsein hindurchgehend, vermittelt ist.

Diese These hat etwas sehr Überzeugendes, und es gelingt Plessner, sie in der sehr ausführlichen Erörterung der Anlässe des Lachens immer wieder durchzuführen. Die Anlässe des Lachens sind Freude, Kitzel – diese hält er nicht für echte Desorganisationen, sondern eher für echte Gebärden –, sodann Spiel, Komik und vor allem Witz. Hier erhebt sich seine Darstellung auf einen Höhepunkt, wenn die großen Vorgänger aufmarschieren, wie Bergson (dessen Theorie des Lachens sich nicht auf ein kurzes Zitat bringen läßt), Schopenhauer („Der Witz ist eine paradoxe Subsumption einer Erscheinung unter einen heterogenen Begriff, eine Subsumption, die aber einen gewissen Schein der Wirklichkeit und Berechtigung hat“), Freud (Humor, Komik und Witz sind für Freud Lustquellen, weil sie dem Menschen einen seelischen Aufwand an Gefühl oder Hemmungen ersparen) und andere. Schließlich kommen noch Verlegenheit und Verzweiflung als Anlässe des Lachens in Betracht, z. T. als „Flucht in die Komik“, doch ist diesen beiden Lagen das Weinen schon ebenso angemessen, wie das Lachen. Im ganzen zeigt sich dabei, daß sich die Anlässe des Lachens zwar einigermaßen in Klassen aufteilen lassen, daß aber doch kein Gesetz des Witzes, der Komik oder der Verlegenheit sich aufstellen läßt. Darum sieht sich Plessner immer wieder auf Beispiele zurückgeworfen: Man kann viele Theorien von Witzen aufstellen, aber keine Theorie des Witzes.

Mit dem Lachen antwortet der Mensch direkt, ohne sich in die Antwort miteinzubeziehen: „Er selbst lacht eigentlich nicht, es lacht in ihm, er ist gewissermaßen Schauplatz und Gefäß für diesen Vorgang. Anders das Weinen. Im Weinen gibt der Mensch auch eine Antwort... Nur bezieht sich der Mensch selbt in diese Antwort ein. Er ist immer dabei beteiligt ergriffen, gerührt, erschüttert.“ An einer anderen Stelle: „Der Mensch verfällt in Lachen und Weinen“, aber „er fällt ins Lachen, er läßt sich fallen ins Weinen“. Plessner legt auf diesen Akt der Selbstaufgabe großen Wert, er sieht darin die entscheidende Bedingung des Weinens „als auslösendes und konstituierendes Moment“. Hier zeigt sich ein sehr großer Unterschied zum Lachen, das keiner solchen Bedingung unterliegt. Es bleibt ungeprüft, worauf er zurückzuführen sein mag. Denkbar wäre, daß bei den zum Weinen führenden Anlässen die Sehnsucht nach der Entspannung viel größer ist, als wenn es sich ums Lachen handelt: weshalb das bewußte Ich mit einer halbbewußten Initialzündung mithilft, worauf das Weinen dann nach eigenem Gesetz weitergeht.