E. G. London, im Juli

Immer daran denken, niemals davon sprechen – das ist die britische Haltung. gegenüber der latenten Moskauer Bedrohung des Nahen Ostens. Und dieses Gebot des Schweigens kommt den arabischen Wünschen in jeder Weise entgegen: Denn langsam fließt der Nil, ebenso langsam die arabische Politik. Und noch ist viel Mißtrauen wach im arabischen Raum. Ein Psychologe könnte drei Schichten arabischen Mißtrauens nachweisen, die vielfach ineinander übergreifen. Da ist zuoberst das Mißtrauen gegen den Westen: gegen französische Rückkehr-Aspirationen an die Levante, gegen britische Stützpunktargumente auf ägyptischem Boden, gegen amerikanische "Erschließungskredite" unter Trumans Punkt vier und allgemein gegen westlichen Öl-Appetit.

Der britische Stützpunkt am Suezkanal mag hundertmal das Rückgrat der arabischen, nicht nur der ägyptischen Sicherheit sein –: erst möchte die Wafd-Partei die ägyptische Souveränität etabliert sehen und die Einschiffung der britischen Truppen erleben, bevor man über eine Revision des England-Vertrages, über ein Militär-Bündnis, vielleicht gar über Stützpunkte redet. Der Chef des britischen Generalstabes, Feldmarschall Slim, hat es nicht vermocht, König Faruk, seine Minister und seine Generale davon zu überzeugen, daß Stützpunkte zu dulden nichts Schändliches sei; selbst das große stolze England habe ja amerikanische Luftstützpunkte daheim auf der britischen Insel zugelassen; und so würden auch britische Soldaten am Suezkanal keine Beeinträchtigung der Souveränität darstellen. Alle Vorstellungen fruchteten nichts. – Und jetzt erklärt das Foreign Office, Slim habe sich "nur mit ägyptischen Befehlshabern" über gemeinsame militärische Interessen unterhalten. Dafür hat sich der neue britische Botschafter in Kairo, Sir Ralph Stevenson, eine besonders vollständige Hofgarderobe schneidern lassen, um zu jeder Tageszeit König Farukbegegnen zu können. Und die britische Presse befleißigt sich – sicherlich ungern – einer Diskretion in ägyptischen Affären, wie sie nicht einmal das eigene Königshaus in allen Fällen genießt. Und die Amerikaner? Sie machen gute Miene zu dem bösen Wort, daß die Araber "schon mehrere Zivilisationen hervorgebracht hatten, ehe der amerikanische Kontinent entdeckt wurde und daß sie sich für amerikanische Almosen bedanken". Sie erörtern die ernstere arabische Kritik, daß USA-Hilfe nur der Landwirtschaft, nicht dem Aufbau leichter Industrien dienen wolle, und sie bedenken vor allem, daß sie sich das arabische Vertrauen erst langsam, mit der Überwindung des Palästina-Krieges und seiner Folgen, erwerben können.

Denn dies ist die zweite Schicht des arabischen Mißtrauens, die Sorge, es könne von Israel her neuer Kampf und Krieg im Vonderen Orient entzündet werden. Jeder Grenzzwischenfall, jedes antiarabische Wort aus Tel Aviv, jedes projüdische Wort aus Washington oder London wird von Ägypten und seinen Verkündeten in der Arabischen Liga aufgegriffen, um den eigenen militanten Geist, den "Zorn des Propheten wachzuhalten. Nur Jordans König Abdullah, strebt Verständigung mit Israel an, vielleicht sogar einen "Nichtangriffspakt" – und das bringt das nur mühsam in der Arabischen Liga zugedeckte Mißtrauen der dritten Schicht, das Mißtrauen der Araber untereinander, wieder zur Geltung. Jordan sollte auf der letzten Sitzung der Liga ausgeschlossen werden, Doch niemand weiß genau, was aus dieser Resolution geworden ist. Jordan sollte durch ein Militär-Bündnis der übrigen arabischen Staaten eingeschüchtert werden – doch einer der beiden militärisch kräftigen Nachbarn, der Irak, hat die Unterzeichnung "aufgeschoben", bis Jordans Haltung gekannt sei.

Es herrscht zwar ein arabischer Friede. Nur darf man ihn nicht proklamieren: nicht unter den arabischen Völkern, auch wenn fünf von ihnen den Sicherheitspakt unterzeichneten, nicht gegenüber Israel, obwohl man den gegenwärtigen Zustand bewaffneten Waffenstillstandesgern beendigt sehen würde, und nicht gegenüber der westlichen Welt, deren Unterstützung der Araber sicherer zu sein scheint, solange man den Westen über die arabische Haltung im ungewissen weiß.