Rom, im Juli

Den deutschen Bach-Freund muß es besonders bewegen, daß die Musik des Meisters aller Meister in diesem seinem Gedenkjahr über alles weltliche Geschehen hinweg auch im Ausland die Menschen in ihren Bann zieht. Über den Petersplatz tönen durch Lautsprecher die machtvollen Klänge einer Orgeltoccata; in einem italienischen Film wird die "Matthäuspassion" in künstlerisch hochwertiger Wiedergabe, geschickt illustriert durch eine ausgezeichnete Zusammenstellung von Bildern alter italienischer Meister auch dem Bach bisher fernstehenden Publikum nahegebracht. Wenn aber die großen Werke zur Aufführung gelangen, sind die Säle bis auf den letzten Platz ausverkauft.

In diesem Jahre ist auch die erste wissenschaftliche Bachbiographie aus der Feder eines Italieners im Buchhandel erschienen, und trotz der Massenveranstaltungen des Heiligen Jahres hat man den zweihundertsten Todestag des musikalischen Magus des Nordens in der Programmgestaltung nicht vergessen.

Es war in den neunziger Jahren, als eine Deutsche, die Begründerin der heute größten kunsthistorischen Bibliothek der Bibliotheca Hertziana in Rom, einen Bach-Saal mit Chor und Orchester schuf und so aus privater Initiative den Grund zur Pflege und Verbreitung Badischer Musik in Rom legte. Inzwischen hat sich vor allem die "Nationale Akademie Santa Cecilia", das im Jahre 1566 gegründete und von Palestrina geleitete erste Konservatorium, seit vielen Jahren auch Bach gewidmet. In dem ständigen Berufschor dieser Akademie unter Leitung von Professor B. Somma und in ihrem ebenso ausgezeichneten Orchester verfügt Rom über beste Kräfte. Bedeutende Solisten wirken in den Aufführungen der großen Werke wie in Gastkonzerten mit und hinterlassen stärkste Eindrücke.

Erstaunt kann der Deutsche in Rom beobachten, mit welcher Dankbarkeit, Begeisterung und Andacht sich das Publikum für Bach-Werke empfänglich zeigt. Ob es die Mystik der kontrapunktischen Tiefensicht in den gewaltigen Chören, der suggestive Rhythmus der Instrumentalmusik oder die Innigkeit der Choräle und Arien ist, die hier so nachhaltig wirkt – Bach ist heute in Rom eine musikalisch-geistige Macht, die der gebildete Musiker nicht mehr missen kann.

Ein besonderes Verdienst um die Erweckung und Vertiefung des Bach-Verständnisses erwarb sich der erste Organist an Sankt Peter, Professor Germani, der seit Jahren in wöchentlichen Orgelstunden Bachs Werke vorträgt und sich so eine Gemeinde geschaffen hat, die mit ernster Teilnahme den Chorälen, Choralvorspielen, Toccaten und Fugen lauscht. Wenn wir in San Ignazio, einer der schönsten jesuitischen Barockkirchen Roms, Bachs Choräle und Präludien, nach kirchlichen Feiertagen zusammengestellt, hören, die dem Italiener gleichzeitig die Stimmungswelt evangelisch-lutherischer Lithurgie nahebringt, so möchten wir meinen, daß durch diese künstlerischreligiöse Offenbarung der konfessionellen Annäherung mehr gedient wird, als durch alle theologischen Disputationen. Die katholische Kirche kennt Bach gegenüber keine grundsätzlichen Bedenken. Sie verehrt in ihm den großen Religiösen, den Träger christlicher Tradition, und widmet sich seinen Werken in dem päpstlichen Konservatorium der Musica Sacra unter Leitung von Professor Franz Zehrer ebenso wie denen Händels. Daß in der eigenartigen Atmosphäre der Ewigen Stadt der Pflege Bachscher Musik mit Fleiß, Ausdauer und Hingabe gedient wird, kann man als eine Kulturtat bezeichnen, die dazu beiträgt, unser abendländisch-christliches Gemeinschaftsbewußtsein neu zu beleben.

Hermann Haß