Von Karl Krolow

Breit kommt er geflossen, gelassenen Laufes. Die Krümmungen und Stürze seiner Jugend hat er hinter sich, den Fall durch Enzianwiesen und Stellen, wo das Pfefferminzkraut weithin über sein Wasser roch, die Forellen sprangen und ein Knabe Pfeifenholz an ihm ausklopfte.

Das alles ist nun vorbei, und er wuchs und wurde stark und spendete mancherlei Leben. Wälder nahm er mit, in denen der Kuckuck schrie und die schweren Hölzer geschlagen wurden. Städte umarmte er, die ihre schwebenden Brücken über ihn warfen. Spitze Giebel und glatte Kuppeln spiegelten sich in ihm, weiße Promenaden und zarte, gemaserte Fliesen. Hügel schwangen ihm zur Seite, in die zierlich zwischen Gemüseäckern und Weingärten braune, lehmige Wege geschnitten waren. Laubterrassen stiegen an, und aus ihnen kam Gelächter und Tücherschwenken und zarter Gesang. An Felsnasen drehte er vorbei.

Aber nun hatte er freien Lauf! Nun war weites Land um ihn mit hellen, fließenden Horizonten. Fettweiden dufteten lieblich und scharf der Torf. Springende Pferde waren da und geschecktes Hornvieh. Blanke, schnurgerade Landstraßen zogen sich hin, auf die im September die Äpfel rollten und die Mirabellen der Bauerngärten, in denen zerzauste Levkojen neben feuriger Kapuzinerkresse gediehen. Die Ebene atmete ihn nun ein, mit breitem, tierhaftem Atem, der wie von weit herkam. Gewähren ließ sie ihn, wie sie alles in seinem Stande ließ, geduldig und großmütig. Und so breitete er sich aus und sein Bett wurde weich und steinarm und eine grüne Dämmerung herrschte in ihm. Er gab von seiner Tiefe ab, von der lebendigen Geistigkeit seines Wassers, wenn es sich grau und blau seinen Weg erschliff und erregt brauste. Er vergaß sein Temperament und mästete sich mit Feuchtigkeit, die die Luft nicht verließ und die großen Dotterblumen aufzog, gelben Hahnenfuß und Klappertopf. An seinen Rändern schlang das Grün jetzt wieder wie ganz früher und wußte zu überwältigen. Es wucherte mit scharfen, schwertigen Blättern und prallen Kolben, die sich in der nassen Sonne bogen.

So verlor er sich. So gab er sich auf. Er war alledem nicht gewachsen, nicht der sättigenden Schwere der Luft, nicht der Fruchtbarkeit dieses Landes, die Leben aus duftenden Böden, Plantagen und gemüsebunten Gärten trieb. Seine Wege verliefen sich. Fast unmerklich nahm ihn schließlich einer auf, ein Größerer, der die Gefahren bestand, der sich bändigte, der Zeugerische und Gewalttätige, der die Dome bildete und auf dem die Schiffe tanzen: der Strom.

Aber wenn dies das Bild des Flusses war, so meine ich noch ein anderes, einfältigeres, eines, das sich überall zeigt für den, der es zu schauen versteht. Flußalltag ist es.

Zu diesem Bilde gehören die Sandbänke und flachen Flußinseln, auf denen Fahnen meterhohen Grases wehen, gehören der Schrei des Reihers, das Klatschen der Wasserhühner im Rohr, das unter ihren Füßen bricht, wenn die duftende Stille des Mittags träge über dem spiegelnden Fluß liegt und die Geräusche im Ohr leiser werden und sich entfernen zu einem unirdischen Summen und Sausen. Die Gestalten der Fischer und Jäger und Flußbauern tauchen in ihm auf, mit Taschen und Netzen und Angelhaken, blinkenden Sicheln und schattenden Strohhüten, mit ihren Kürbisflaschen und Schwarzbrotlaiben. Erinnerungen an rote, durchschwitzte Nachmittage kommen darin vor. Langsam und träumerisch sog man die Luft ein, die einen zutraulich umstrich. Eine leichte Brise rauschte hörbar durch die Müdigkeit und kühlte das Blut in den Gelenken. Von Insekten zerstochen erhob man sich, jagte Ringelnattern und fuhr sich geheimnisvoll erregt über die knisternde Haut. Nachts riefen einander die Nachtigallen von Ufer zu Ufer zu. Schilffeuer brannten, Männer hockten im Kreis und brieten Barben, lachten und fluchten und schlugen sich auf die Schenkel. Korn roch weithin und mischte sich im unsichtbaren Wind mit dem Geschmack von wilden Rosen und Nußlaub. Unvergessenes Bad im Fluß, wenn man nackt zwischen Wasserpest und Froschlöffel trieb, den Morgenstern überm Scheitel und von Nebelstreifen umzogen, und die Schatten der Liebenden aus den Wiesen huschten.