Von Hans Nowak

Renommieren ist menschlich. Die Kinder fangen damit an, und die Greise fahren darin fort. Dazwischen liegt die Spanne Zeit, die wir das Leben nennen, mit einem andern Wort: die tätigen Jahre. In dieser Zeit hat man (zu meiner Zeit) nicht renommiert. Es scheint, das hat sich gründlich geändert.

Wer erinnert sich an seines Vaters Zigarrenmarke? Gustav zum Beispiel. Der alte Schulkollege, der doch nun auch an die Fünfzig sein muß, erinnert sich genau und völlig zwanglos. Das geht dann so: "Du weißt" – kleine, in die Vergangenheit verweisende Handbewegung – "daß sich der Alte Herr nach dem Essen gern eine Havanna anzündete. Die gewisse Sorte, mittelschwer, ziemlich dunkel im Deckblatt. Unsre gute Mama sah das gar nicht gern, viel zu stark, meinte sie, aber wenn’s um seine geliebte Havanna ging, war mit dem Alten Herrn nicht zu reden, so konziliant er sonst..." Aus Gustavs Worten steigt ein feiner blauer Dunst, der Schulfreund sinnt auf elegante Weise vor sich hin, es steht ihm gar nicht schlecht, und deshalb sagst du nicht: "Mensch, Gustav, diese kleinen krummen Dinger in der Kiste hinterm Lohengrin, ich weiß noch genau wo sie stand, wir rauchten ja fleißig mit, der Alte Herr im Himmel wird es uns verzeihen: diese Nudeln, pardon, das also war Havanna?" Nein, du sagst es nicht, du kämst auch nicht dazu, denn Gustav hat inzwischen weitergesonnen, und es kommt, was kommen mußte: "Sah eigentlich Vorzüglich aus, der Alte Herr, in seinem langen schwarzen Überrock, kein Stäubchen drauf, und diese gewisse Haltung..." Erneutes Sinnen, und dann: "Er hätte eine hohe weiße Halsbinde tragen können ..." Dreideibelnocheinmal, gleich wird er ihn mit Bismarck durcheinanderbringen – dem Bismarck auf dem Friedrichsruher Bild, das in der Wohnstube über dem Sofa hing, und drunter saß der Alte Herr in seinem Lüsterjäckchen, das vom vielen Bürsten blank geworden war, und sah uns freundlich an: "Na, ihr Bande, macht euch mal nützlich und holt mir die Schlafschuh."

Soviel von Gustav. Es genügt; jeder kennt das Zubehör und kann nach Belieben ergänzen: etwas Familiensilber, etwas baute volée, in besonderen Fällen den Kutschwagen – "war doch viel eleganter als das Autogerase". Bei diesem Punkte freilich würde einer, ein gewisser, der bis dahin mit Anstrengung geschwiegen hat, heftig widersprechen. Gustavs Antipode in der Technik des Flunkerns, der vierzig- bis fünfzigjährige deutsche Staatsangehörige Sagte-Mir (auch als Sagte-Mir-Sartre oder Sagte-Ich-Furtwängler auftretend), ist nicht für derlei Traulichkeiten (kalter Kaffee). Er hat es eilig, hat immer alle Hände voll zu tun, ein Eckermann – vielmehr: die Graue Eminenz der Weltgrößen von heute. Wenn er mit einem Bein im Flugzeug steht, um Paris zu verlassen, kommt jemand (und es ist kein anderer als Jean Paul Sartre) mit fliegendem Halstuch angelaufen, um ihm noch den vergessenen Gruß an Ernst Jünger aufzutragen.. Was er sonst noch etwa zu bestellen hat, geht im Getöse der Propeller unter, und das Getöse wiederum im Schwall der Worte, denn eben geht das Flugzeug nieder und Sagte-Mir kommt gerade noch zur Zeit, um Heideggern, der seinerseits im Begriff ist, wieder ein Katheder zu besteigen, etwas Wichtig-Wohlgemeintes zuzuflüstern: "... Gelegenheit sagte mir Sartre, daß künftig auch die existentialistische Musik..."

Doch genug von Wissenschaft; Sagte-Mir ist auch in der Politik keiner von den Faulen, greift die Gelegenheit beim Schopf, um Robertson etwas zu stecken, diesmal leider ohne Erfolg, denn der General hat ihn eben mit François-Poncet sprechen sehen und ist verstimmt, begreiflicherweise. Auch kulturell, versteht sich, verdanken wir seinem Eifer mancherlei Gutes; so zum Beispiel die rasche Beilegung der Malaise zwischen Furtwängler und Ansermet, dem Genfer: "... ist natürlich ein Mißverständnis, sagte ich Furtwängler, ich sehe morgen den alten Pfitzner, und da läßt sich das ..." Pfitzner ist zwar tot, immerhin war er damals vielleicht noch gerade am Leben, und Sagte-Mir nutzt jede Stunde aus, auch die letzte, er ist kein Weichling (nie gewesen).

Wozu der Aufwand? Das Spiel ist leer, wir alle wissen, es ist nichts im Einsatz. Bluff für Bluff, an wen eigentlich? Der klassische Renommist, Typ "kolossal!" von 1910, schnarrte in seiner Schicht, renommierte intern, hatte Stil. Auch er war unter Dreißig (mit einer hohen Ausnahme). Aber diese Leute? Sind es irre einzelne, wenn schon sehr zahlreich, die sich in lauten Selbstgesprächen permanent konpensieren? Oder ist es vielleicht so, daß sie als Stellvertreter sprechen, als unbewußt Beauftragte einer anonymen, einer kollektiven Renommage? Der Himmel behüte uns – wir lachen wohl, aber es ist ganz und gar nicht spaßhaft.