Der Leiter des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, Professor Dr. Fritz Baade, hat seine Stellungnahme zu dem viel diskutierten Problem des Getreidepreises uns im Folgenden zur Verfügung gestellt.

Seit Monaten beraten die verantwortlichen Stellen in Deutschland über das wichtigste Kapitel der Agrarpolitik; die Ordnung der landwirtschaftlichen Märkte. Von Anfang an hat sich dabei gezeigt, daß bei diesem politisch einst so heiß umstrittenen Gebiet der alte Gegensatz zwischen Erzeuger und Verbraucher weitgehend gegenstandslos geworden ist. Einmütigkeit besteht vor allem über drei Kardinalpunkte:

Die Preisbildung unserer Hauptnahrungsmittel und der Hauptverkaufsprodukte unserer Landwirtschaft muß weiterhin von starken Schwankungen frei gehalten werden.

Die Preise müssen so festgesetzt werden, daß sie für den Verbraucher erträglich sind und der Landwirtschaft eine Existenzmöglichkeit – lassen.

Das entscheidende Mittel dafür sind staatliche Einfuhr- und Vorratsstellen. Solange und soweit die Preise draußen höher sind als die Preise, die wir im Inlande auf Grund der Verständigung zwischen Erzeuger und Verbraucher haben wollen, müssen die Preise der eingeführten Waren durch Zuschüsse herabgeschleust werden. Solange und soweit diese Preise draußen niedriger sind, müssen die Einfuhr-und Vorratsstelle sie durch Abschöpfung heraufschleusen.

Die Einigkeit schien politisch gefährdet zu sein, als die Bundesregierung dem Bundestag ein Getreidegesetz zuleitete, in dem zwar das Instrument: die Einfuhr- und Vorratsstelle vorgesehen ist, in dem aber über das Entscheidende: die mit Hilfe dieses Instruments anzustrebenden stabilen Preise, nichts gesagt war. Überdies erklärte der Bundesfinanzminister, aus Mangel an Geldmitteln müßten die Subventionen, die bisher das Herabschleusen der Brotgetreidepreise ermöglicht hatten, ab 1. Juli wegfallen. Angesichts der offenbaren Unmöglichkeit, den Brotpreis in Deutschland aufrechtzuerhalten, wenn der Weizenpreis durch Fortfall der Subventionen schlagartig um schätzungsweise 80 DM je Tonne gesteigert wird, konnte in dieser Erklärung nur eine Absage an die Politik der Getreide- und Brotpreisstabilisierung erblickt werden.

Erstaunlicherweise zeigte sich in diesem Moment, daß die in langen Jahrzehnten seit 1928 schrittweise gewachsene Einheitsfront von Erzeugern und Verbrauchern in dieser Lebensfrage doch stärker ist als selbst Erklärungen aus so maßgebendem Munde. Gerade die Vertreter der Regierungskoalition erklärten im Ernährungsausschuß des Bundestages, daß ein Festhalten dies Brotpreises beim Fortfall der Subventionen unmöglich sei, daß aber andererseits eine wesentliche Erhöhung des Brotpreises auch von der Landwirtschaft auf Grund ihrer Solidarität mit den breiten Verbrauchermassen nicht für tragbar gehalten werde. Das Ergebnis dieser Palastrevolution war die einmütige Weigerung des Bundestagsausschusses, das Getreidegesetz weiter zu beraten, ehe nicht die zuständigen Minister dem Ausschuß klar dargelegt hätten, mit welchen Mitteln die Regierung stabile Getreidepreise und Brotpreise aufrechtzuerhalten gedenke.