Besuch bei Hermann Kasack

Von Adolf Krise

Es ist Nacht. Das breite Fenster des Arbeitszimmers gibt den Blick auf ein riesiges Lichtermeer frei. Man glaubt sich südlich der Alpen, denkt an Genua, träumt sich die offene Bucht, das Meer dazu, aber es ist eher ein zusammengerücktes Rom. Die Luft vibriert, stimmt geradezu. Hermann Kasack liebt dieses Bild. Er genießt es. Es ist immer wieder neu für ihn. Knapp ein Jahr erst lebt er in Stuttgart; er kam aus Potsdam, wo er als Sohn eines Arztes geboren wurde, und wo er sein halbes Leben wohnte. Der Suhrkamp-Verlag war von Berlin nach Frankfurt übergesiedelt, da mußte er mit. Er ist ein Teil von ihm, ein Stück Seele fast wie im alten S. Fischer Verlag einst Oscar Loerke, dessen Freund Kasack war und dessen Erbe er dann antrat: als Autor, als Cheflektor, als geistige Instanz. Als Peter Suhrkamp verhaftet wurde, durch die Konzentrationslager zog, 1943/44, da wurde er der Chef des Hauses, ein Jahr beinahe. Er saß nie selbstversunken, weitfern in einer verborgenen Klause, weder auf einem Schloß bei Freunden noch auf einem eigenen Landgut; die Auflagen seiner schmalen Sande, Gedichte, Dramen, einzelner Erzählungen, ummierten sich nicht, er hatte Zeit, er konnte abwarten, das Werk wuchs langsam, ungeheizt, die Tagesarbeit, als Lektor schon bei Kiepenheuer Anfang der zwanziger Jahre, als Rundfunkautor bis 1933, ging immer nebenher.

Schon einundfünfzig war er, als 1947 "Die Stadt hinter dem Strom" erschien. Nur Kennern, Eingeweihten, einem großen Kreis allerdings, wie er der Ausstrahlung dies Hauptmann-, Thomas – Mann-, Hermann – Hesse – Verlags entsprach, war der Name dieses Dichters vertraut, der da das hartnäckige Gerücht von den leergebliebenen Schubladen plötzlich Lügen strafte. Das Buch war eine völlig private Niederschrift. Mitten im Krieg begann er damit. Die Reise zu den Toten – das war ja Wirklichkeit, tagtägliche Umwelt. Er zweifelte, daß es je gedruckt würde. Es war Aussage und zugleich Vision, vielleicht ein Dokument für die Überlebenden – wer konnte das sagen, wer ahnte überhaupt, wie die Zukunft aussah? Eine Art Ernte und Vermächtnis. Die Hälfte genau lag vor, als der Krieg zu Ende war. Nun erst setzte die eigentliche Arbeit, das bewußte Schreiben ein. Ein neuer Weg? Nein. Kasack lächelte. "So gehe ich, ein einsam Sterbender, durch diese Welt." Das schrieb er schon 1916, als Zwanzigjähriger. "Das schöne Fräulein", in dem diese Zeile steht, war sein erster dramatischer Versuch. Später heißt es einmal, in dem Gedicht "Das Alter": "Um das Schicksal seit Menschengedenken / aufzubewahren und fortzuschenken". Die Grenze zum Jenseits, dieser magische, entrückte Raum des Romans, in dem der so labile Seelenzustand einer ganzen Zeit mit einem Male sein Symbol zu finden schien, war immer schon die Sphäre seiner Lyrik. "Leben und Tod", so präzisiert es Kasack aus dem Gespräch heraus, "sind zwei gleichberechtigte Zustände, die das darstellen, was ich Dasein nenne." Er sagt nicht: für mich. Es ist kein Erlebnis, keine confessio, es ist die Realität für ihn.

Ich schaue mich im Zimmer um. An den Wänden hängen zierliche chinesische Pastelle, Blumen, phantasievolle Zunftembleme, auf hauchdünne Seide gemalt. Zwischen den Büchern Buddha-Statuetten. Buddho, korrigiert der Hausherr. Buddha ist Vokativ. Der alte Fehler. Ostasien, China speziell, dann der Buddhismus, das sei die eine große Erlebniskomponente. Er verrät es nicht als Geheimnis. Es ist ein Faktum für ihn. "Die Stadt hinter dem Strom" erscheint in einem neuen Licht. Kasack spricht, indes er mir seine kleinen Schätze zeigt, liebevoll, mit allen Details über Herkunft und Schicksal der einzelnen Stücke, geradezu von Wahlverwandtschaft. Die Weisen in dem Labyrinth des unterirdischen Archivs, die Rätsel, die sie dem Chronisten des Romans aufgeben, sind keine dichterischen Fiktionen, sie sind innere Erfahrung. Das Bild des Schattenreiches ist mehr als ein Gleichnis, als das es – am Morgen nach der Katastrophe – verstanden wurde, verstanden werden mußte; es ist einfach eine tiefere Dimension. Die Identität Kasacks mit dem Werk geht bis ins Persönliche. Die schmale, zerbrechlich wirkende Gestalt, das gemessene, gedämpfte, ausgewogene Wort, die Physiognomie eines Asketen. Nicht die Spur eines Eiferers. Eher die eines, der sich zur Selbstbeherrschung erzog.

Und das andere Erlebnis? Sizilien 1933/34. "Das Licht, das Herbe, das Griechische." Es war entscheidend für den Auftrieb seiner Lyrik, den Dalmatien (1930) vorbereitete. Die Lyrik sei sein eigentliches Lebenswerk. Enttäuschung darüber, daß erst der Roman die wirkliche Resonanz verschaffte, wird spürbar.

Wir sprechen allgemein von der Mission des Dichters. Kasack ist. vorsichtig, behutsam. Das Wort "Seher" ist so unglaubwürdig, so abgebraucht, ja diskreditiert; aber er verweist auf eine Strophe aus "Pästum – Gräberstimmen". Sie entstand 1937: "Denn deine Städte sind voraus zerfallen / eh du mit flinker Hand die Mauern baust." Es ist nur eine unter fielen, in denen er "sah", was kam. Er bereitet jetzt einen neuen Band vor: "Chinesisches Bilderbuch". Eine neue Stufe, glaubt er. Fünfzig Gedichte dafür sind abgeschlossen. Das Ganze? In zwei Jahren vielleicht. Er hat Zeit. Auch heute. Oder gerade heute? Nur widerstrebend gibt er mir ein Blatt, das ich mitnehmen darf. Publicity? Git. Aber nur, wenn es soweit ist. Und ein neuer Roman! Auch damit beschäftigt er sich: "Schauplatz Europa" schwebt ihm als Titel vor. Eines vor allem: "Man darf nie sein eigener Epigone sein."

Ein Mann, dem Selbstbetrug fremd ist. Es ist vielleicht kein Zufall, daß eines seiner Stücke, sein bekanntestes, "Vincent" hieß: Vincent van Gogh. Mit dem Helden dieses Schauspiel: teilt er das Unbestechliche, den Wahrheitsfanatismus, den Horror vor jeglicher Konzession Als er 1933 Rundfunk- und Vortragsverbot erhielt, half er Franz Dornseiff, den "Deutschen Sprachschatz nach Sachgruppen", der ihm gewidmet ist, neu zu bearbeiten. Die Warnung in seinen Gedichten, das Beschwörende, seine "Sybillinischen Klagen" verstanden nur wenige.