Von Nikolaus Eck

Die strategisch-operativen Aufgaben der ganz Sibirien und den Fernen Osten umfassenden Heeresgruppe VI der Roten Armee waren bisher rein defensiver Natur. Es sollten die Ost- und äußersten Nordostgebiete Sibiriens gegen etwaige Invasionsversuche der USA von Japan oder Kanada her verteidigt werden. Inzwischen aber haben sich dort in der letzten Zeit größere Umorganisationen vollzogen, die den Gedanken nahelegen, daß bedeutende Teile dieser sowjetischen Streitkräfte im Kriegsfälle für offensive Aufgaben bestimmt sind.

Über die Heeresgruppe VI können hier zum erstenmal folgende Einzelheiten berichtet werden: Die Heeresgruppe besteht aus 61 Divisionen, die sich in fünf Armeen gliedern. Die Armeen 1 und 2 umfassen West- und Mittelsibirien bis zum großen Amur-Knie. Ihre Hauptquartiere befinden sich in Krasnojarsk und Tschita. Beide Armeen sind als Reserve- und Ausbildungskader gedacht; unmittelbare operative Aufgaben für den Kriegsfall scheinen ihnen nicht gestellt zu sein.

Bemerkenswert ist allerdings, daß aus diesen beiden Armeen gegenwärtig eine Sondereinheit aufgestellt wird. Sie besteht aus fünf Divisionen, die mit Spezialpanzern und Spezialraupenfahrzeugen voll motorisiert sind. Die Panzer sind etwas größer als der T 34, haben die gleiche Bewaffnung – eine 7,5 cm Kanone – und sind mit besonderen Einrichtungen zum Schutz des Getriebes gegen Sand und Löß versehen. Die Raupenfahrzeuge sind in der Lage, ohne Brennstoffaufnahme bis zu 1200 km zurückzulegen, können 20 Mann Infanterie befördern und verfügen über eine kleine eingebaute 2-cm-Kanone. Beide Fahrzeug-Typen sind für großangelegte Operationen in unwegsamen und öden Gebieten außerordentlich geeignet. Offenbar sollen also diese fünf Divisionen im Ernstfall für bewegliche operative Unternehmungen offensiver Art eingesetzt werden; vermutlich in erster Linie zur Unterstützung der rotchinesischen Armee bei Aktionen in Südost-Asien, wo sie als Kerntruppe aufzutreten hätten.

östlich des Amur-Knies bis hinunter nach Wladiwostok schließt sich der Befehlsbereich der Armee 3/VI an. Diese sowjetische Armee im Fernen Osten ist unterteilt in die auf dem Festland stehenden Truppen 3a/VI und die auf Sachalin und den Kurilen stationierten Einheiten 3b/VI. Den einzelnen Divisionen dieser Armee, gleichgültig ob sie auf dem Festland oder den Inseln liegen, sind starke Pionier-Einheiten zugeteilt. Außerdem unterstehen der Armee starke Luftwaffenkräfte. Allein auf Sachalin sind etwa 300 Maschinen festgestellt. Die Zahl der Düsenflugzeuge allerdings ist noch gering; man weiß nur von zwei Staffeln Düsenjägern am Chanka-See.

Die Armee 3a/VI liegt heute in Alarmbereitschaft. Sie hätte im Ernstfall die Aufgabe, ganz Korea zu besetzen. Die Werften in ihrem Befehlsbereich (vor allem in Komsomolsk am Amur) arbeiten fieberhaft am Bau von Sturm- und Landungsbooten vom Typ der früheren deutschen "Siebel-Fähre". Es wurden bereits über 300 dieser Boote, die auch zum Übersetzen von Panzern geeignet sind, fertiggestellt, und auf dem Amur und zwischen Sachalin und dem Festland herrscht rege Übungstätigkeit.

Die Pioniere der Armee 3b/VI arbeiten auf Sachalin an dem Bau neuer See- und Landflughäfen, auf den Kurilen hingegen an der Fertigstellung kleiner Bunker für Zwerg-U-Boote und Schnellboote. Außerdem wird auf den Kurilen ein Radarnetz errichtet, das sich auf der Kamschatka fortsetzt.