Von Jean-Charlot Saleck, Paris

Nur ganz wenige Franzosen wissen, daß am 15. September 1948 ein Sondergesetz in unseren Kodex eingeführt wurde, das ein Hohn auf alle Prinzipien unseres Strafrechts ist. Nach diesem neuen Gesetz kann ein Mensch für ein Verbrechen bestraft werden, das er nicht persönlich begangen hat und an dem er nicht beteiligt gewesen ist" – mit diesen scharfen Worten beginnt ein Artikel, den der ob seiner intellektuellen Sauberkeit und seines klassischen Stils in allen Schichten Frankreichs so hoch angesehene Jean Schlumberger im Figaro veröffentlichte, um gegen ein über deutsche SS-Leute gefälltes Todesurteil zu protestieren. Das Urteil war im vorigen Jahr von einem französischen Kriegsgericht in Lille gefällt und ist soeben von dem Kassationshof bestätigt worden.

Die Vorgeschichte

In der Nacht vom 1. auf den 2. April 1944 wurde gegen 23 Uhr ein deutscher Militärzug, der dreihundert unter dem Befehl des Obersturmführers Hauck stehende Leute der 12. SS-Division "Hitler-Jugend" von Belgien in die Normandie bringen sollte, bei dem Städtchen Ascq in Nordfrankreich durch eine geringfügige, von einem ortsfremden und später mit Namen festgestellten Angehörigen der Resistance vorgenommene Schienensprengung zum Halten gebracht, ohne daß einer der Deutschen dabei zu Schaden kam. Hauck gab seinen Untergebenen Befehl, die ganze männliche Bevölkerung als Geiseln festzunehmen und an den Zug zu bringen. Er selbst begab sich in Begleitung einiger SS-Leute mit einem inzwischen aus dem nahen Bahnhöf Ascq herbeigeeilten französischen Bahnangestellten namens Derache zum Stationsgebäude, wo er den Vorsteher Carrée zunächst mißhandeln und schließlich auf ihn und den anderen Beamten schießen ließ. Carrée wurde schwer verwundet, Derache gelang es zu entkommen. Ein glücklicher Umstand, denn Derache erreichte nach großen technischen Schwierigkeiten noch in der gleichen Stunde telefonisch die Feldkommandantur in Lille und bat sie einzugreifen, um die festgenommenen Geiseln zu schützen.

Die deutschen Gendarmen konnten jedoch nicht zeitig genug in Ascq eintreffen, um die Greuel zu verhindern, welche die inzwischen in das Städtchen ausgeschwärmten Leute Haucks dort begingen. Sie töteten und plünderten. Von einem Lastwagen, der zufällig nach Ascq zurückkehrte, schossen sie den Fahrer Devailly herunter; ebenso knallten sie einen Mann, der von der Arbeit heimkam, und den Kaplan des Ortes nieder. Einige SS-Leute drangen in das Pfarrhaus ein und töteten den Pfarrer und einen ausgebombten dort einquartierten Eisenbahninspektor sowie dessen Sohn. Vier andere aus den Häusern gezerrte Männer wurden neben dem Lastwagen Devaillys ohne jedes Verhör vor die Gewehre gebracht und zusammengeschossen; einer von diesen, Moerbecke, wurde in der Finsternis der unbeleuchteten Straßen nur verwundet, er starb später. Die SS-Leute schlugen dem Totgeglaubten die Goldzähne aus dem Munde ...

Diese neun waren die ersten Toten; bald bewegte sich an ihnen vorbei der Zug derer, die durch Haucks Leute unter dem Schreien der Frauen und Kinder aus den Betten geholt, in drei Gruppen an den stillgelegten Zug geführt und dort ohne weitere Untersuchung erschossen wurden. 77 Männer, darunter einer von 17 und einer von 74 Jahren, lagen schon tot neben den Geleisen, als die Feldgendarmerie endlich erschien und im letzten Augenblick die Erschießung einer vierten Gruppe verhinderte, die bereits vor den Gewehren stand und bei welcher sich der Bürgermeister befand. Sie erzwang schließlich auch die Weiterfahrt des Transportes auf den längst reparierten Schienen. Das Massaker hatte sich innerhalb von zwei Stunden abgespielt.

Aus dem Haufen der erschossenen Geiseln hatte man fünf Männer hervorgeholt, die bei der im Dunkeln durchgeführten Exekution nur verwundet worden waren und von den Leichen ihrer unglücklicheren Schicksalsgenossen geschützt, das Leben gerettet hatten. So stellen Anklage und Zeugen das Geschehen dar.