Bei Hochstaplern ist es immer dieselbe Sache; hinterher, wenn die Maske gefallen ist, fragt man sich: wie ist es möglich, daß ausgewachsene Menschen, ja, daß ganze Dienststellen auf ein so mickriges Individuum hereinfallen. Es ist, als wären die Schwindeleien Blumen, die schnell verblühen. Man erkennt aus den verstreuten Blumenblättern die ursprüngliche Pracht der Rose nicht mehr!

Einst reisten Hochstapler durch das Land, die behaupteten, das "Lebenselixier" zu besitzen, das Unsterblichkeit verleiht, oder den "Stein der Weisen", oder andere Mittel, um "Gold zu machen". Cagliostro und der sagenhafte Graf von Saint Germain, wie auch zum Teil Casanova, lebten durch solche Gaukeleien nicht schlecht. Im Zeichen der Atomzertrümmerung ist das "Goldmachen" eine Sparte der Atomphysik geworden. Die Hochstapler von heute müssen sich an das alte, gut renommierte Original-Gold halten; sie betreten als Schatzsucher die Arena der Öffentlichkeit.

Diese Arena verwandelt sich dann (wenn die Rose verblüht ist) sehr rasch in den nüchternen Saal eines Tribunals. So stand jüngst Konrad Lösel, jetzt 29 Jahre alt, einst Verkäufer eines Textilgeschäfts zu Nürnberg – der von sich selbst aber behauptet, Journalist zu sein, obwohl er die deutsche Grammatik und Rechtschreibung keineswegs völlig beherrscht –, vor den Schranken des Schöffengerichts zu Lübeck, das er erhabenen Hauptes als der große "Rekordschatzsucher dieser Zeit" betrat, und das er als ein kleiner Schwindler, zu drei Jahren Gefängnis wegen 16 Betrugsdelikten verurteilt, verließ. Allerdings nicht, ohne auf der Schwelle des Gefängnisses sozusagen noch ein Ei für die Schatzgläubigen gelegt zu haben, indem er nämlich in seinem Schlußwort erklärte, daß er nun noch verraten wolle, wo der Rothschild-Schatz liegt: nämlich in drei Eimern verpackt, zehn Meter, unter der Erde auf dem Grundstück Leipziger Straße 63 an Berlin...

Man soll nicht glauben, welche Gewalt solche Schatzverheißungen auf viele Gemüter haben. Schätze sind Dinge im Zwielicht, wie die Astrologie beispielsweise auch. Das Zwielicht aber ist das geistige Klima, in das so viele Gemüter aus einem ausweglos erscheinenden Alltag geflüchtet sind. Konrad Lösel hätte in diesem Zwielicht vielleicht noch weiter agieren können. Aber er machte einen geographischen Fehler: er stieß zu weit nach Norden vor; dort sind die Menschen von Natur aus skeptischer, zumal in Lübeck, wo die Nüchternheit zu Hause ist. So erschien Lösel denn am 23. Dezember vorigen Jahres bei dem Lübecker Bundestagsabgeordneten Bromme, der zugleich auch Chefredakteur eines Lübecker Blattes ist, legitimierte sich mit einem von ihm erschwindelten "Ausweis der Pressestelle des Magistrats Berlin", berichtete, er sei ein "Verwandter und Adjutant Hermann Görings", habe in einem Internierungslager von einem Schatz in einem Brunnen bei Kattrepel in der Nähe von Bsrunsbüttelkoog erfahren, einem Schatz, den der SS-Sturmbannführer Suhren dort aus dem Lager Ravensbrück hingeschafft habe. Er sei, so berichtete er weiter, auf dem Wege dorthin, um einen Schatz zu heben; durch eine Reparatur an einem Wagen sei er in Geldverlegenheit, ob Herr Bromme ihm nicht Geld geben könnte, wofür Lösel ihn und das Land Schleswig-Holstein und die Stadt Lübeck an dem Erlös des Schatzes beteiligen werde. Der Bundestagsabgeordnete Bromme hörte sich das mit an, ging ins Nebenzimmer und rief die Polizei an, die sich des Schatzsuchers annahm. Alles andere entwickelte sich automatisch: seine Betrügereien in Nürnberg, München, Hamburg, Bremen, Berlin und anderswo kamen ans Licht. Wie gesagt, Herr Lösel ließ zu weit in den nüchternen Norden vor.

Aber auch selbst im nüchternen Norden wetterleuchtete die Magie der "verborgenen Schätze" noch. Lösel redete mit einer solchen Wucht auf den Betrugsdezernenten der Polizei ein, daß man mit ihm nach Kattrepel fuhr. Dort fand man tatsächlich einen Brunnen. Da er voll Wasser war, ließ man ihn am Heiligabend vorigen Jahres auspumpen und fand – nichts. Vorher hatte er doch große Schatzsuch-Kriminalstücke in Süddeuschland inszeniert mit verborgenen Reichtümern in diversen Höhlen, wobei er auf wirksame Höhlennamen wie "Teufelshöhle" oder "Bismarckhöhle" größten Wert legte.

Lösels Technik: er erschlägt die Leute mit Fachwörtern und Details. Und zwar sprudelt er diese Einzelheiten mit einer solchen Sicherheit hervor, daß man sie zunächst nicht als Lügen erkennt. Beispielsweise: "Als Göring mir im April 1945 den Geheimauftrag übergab, war seine Sekretärin Fräulein Guttmann und der Amtsmann Soundso dabei..." Mit solchen Details erschlägt er die Bedenken, er paralysiert das eventuelle Mißtrauen bei den Zuhörern. Vor Gericht hatte er damit kein Glück. Man wies ihm nach, daß Fräulein Guttmann, die es wirklich gab, schon 1943 gestorben ist. Darauf sagte Lösel gar nichts mehr. Er lächelte nur. Dieses Lächeln ist wie ein Schild, durch den die Realität nicht in sein Inneres vordringt. Er lebt grundsätzlich in Feindschaft mit der Wahrheit; er ist gegen sie gewappnet; er lächelt sie kaputt!

Man fragt sich, wie er auch nur zehn Minuten seine verwegenen Fiktionen aufrechterhalten konnte, unter denen die, ein "Graf Bredow, Major der Luftwaffe, Jagdflieger mit 227 Abschüssen mit Eichenlaub und Schwertern" zu sein, besondere Erwähnung verdient. Als Entschuldigung gibt er selbst an, daß er "im Auftrage des englischen Geheimdienstes" sich diese Rolle selbst habe zulegen müssen. Es gibt keinen besseren Geheimdienst, dem er nicht angehört haben will. Auch da erschlägt er Bedenken wieder mit Details. Wobei er manchmal sprachlich etwas danebengreift, wenn er beispielsweise einem 14köpfigen Geheimstab Görings, dessen Hauptakteur er gewesen sein will, die Tarnbezeichnung "Sumpfblüte XP 7" verleiht. "Geheimdienst" – auch das ist eine Sache im Zwielicht, und der Verurteilte fühlte sich davon angezogen, obwohl seine wirkliche Rolle in irgendwelchen Geheimdiensten sicher gleich Null gewesen ist.