Als Michelangelo den Palazzo Farnese mit einem kühnen und neuartigen Hauptgesimse bekrönte, drängte sich an dem Tag, an dem die Gerüste endlich entfernt wurden, das Volk zu Tausenden auf dem weiten Platz vor der Baustelle und erging sich in lebhaften Debatten darüber, ob die Proportionen des weit ausladenden Gesimses nun auch wirklich den harmonischen Abschluß des mächtigen Palastes bildeten oder nicht;

Etwas von diesem lebendigen, kennerhaften Interesse für architektonische Probleme ist den Römern bis auf den heutigen Tag geblieben, und gerade das popolino, das kleine Volk der Handwerken, Arbeiter, Beamten und Händler hat die Neigung, das Verhältnis eines Neubaues zur Umgebung, seine mehr oder minder glückliche Anpassung an das altvertraute Stadtbild mit Eifer zu begutachten und oft mit sehr scharfem Witz zu kritisieren.

Diesmal handelt es sich nicht um einen Palast, sondern um eine Anzahl Obelisken. Wie so ziemlich alles, was 1950 in Rom geschieht, hängt auch ihre Errichtung mit dem Heiligen Jahr zusammen. Sie sollen die Via della Conciliazione zieren jene breite, seit zehn Jahren unvollendete Riesenstraße, die vom Tiber nach Sankt Peter führt und die jeder Rompilger des Heiligen Jahres durchschreitet.

Diese Straße zählt zu den vielen Sünden des bausüchtigen faschistischen Regimes, das 1936 kurzerhand die Zeile alter Häuser, die bis dahin den Ausblick auf die Peterskirche verdeckt hatte, niederreißen ließ. Damit wurde der Überraschungseffekt zunichte gemacht, der sich bis dahin ergeben hatte, wenn man aus engen, schattigen, verwinkelten Straßen plötzlich auf den sonnenüberfluteten, von Berninis Kolonnaden eingefaßten Riesenplatz mit seinen Springbrunnen und der dahinter aufragenden majestätischen Fassade des Domes hinaustrat. Statt dessen zieht sich heute vom Tiber nach Sankt Peter eine übermäßig breite, staubige, schattenlose, schnurgerade Straße, eingefaßt von öden, stillosen Bauwerken, eine Straße, die kein Ende nehmen will, weil ihr jedes Element der Abwechslung und Unterbrechung fehlt, und an deren fernem Ende man schon kilometerweit die Fassade und die Kuppel der Petersbasilika aufragen sieht.

Zum Heiligen Jahr sollte nun diese mißglückte Via della Conciliazione in einen wenigstens halbwegs präsentablen Zustand versetzt werden; doch betraute man mit dieser Aufgabe denselben Architekten Piacentini, der seinerzeit den ganzen Straßendurchbruch ausgeführt hat. Piacentini, der, obzwar ein Protektionskind Mussolinis, heute noch immer die Lehrkanzel für Städtebau an der römischen Architekturschule innehat, sollte also von dem Werk, das er selber verpfuschte, jetzt nachträglich retten, was noch zu retten ist, und er glaubte dies am besten zu tun, indem er zu beiden Seiten der Straße je eine Reihe von vierzehn Obelisken aus Travertinblöcken aufstellte und diese mit Glaslaternen bekrönte. Der Zweck dieser achtundzwanzig Obelisken von neun Metern Höhe sollte es sein, die Straße der Breite nach unterzuteilen, ihr etwas von der bisher völlig fehlenden Feierlichkeit zu verleihen und sie des Nachts festlich zu beleuchten.

Diese Anlage ist nunmehr fertig geworden, und Rom kam, sah – und schimpfte. Es schimpfte das popolino, es schimpfte die Stadtverordnetenversammlung, es schimpften die Senatoren der Republik, und ganz besonders heftig schimpfte die Presse. Dies um so mehr, als schon die erste Probebeleuchtung bestürzende Resultate zeitigte. Die Via della Conciliazione war nämlich plötzlich in eine solche von den achtundzwanzig Obelisken herabströmende Lichtfülle getaucht, daß der Petersplatz, in den sie schließlich einmündet, im Vergleich dazu in tiefer Finsternis dazuliegen schien. In aller Eile mußten die Lampen auf den Obelisken gegen solche von halber Stärke ausgewechselt werden, aber auch so ist die Straße noch immer zu hell, der Platz zu dunkel. Es wird also nötig sein, die Beleuchtung des Petersplatzes ihrerseits zu verstärken, was Sache der vatikanischen Behörden wäre. Hiergegen aber sprechen wieder erhebliche ästhetische Bedenken, denn, wie eine italienische Zeitung schreibt, "Sankt Peter ist kein mit Neonlampen zu beleuchtendes Schaufenster".

Percy Eckstein