Als ich zum ersten Male wieder eine Frauenversammlung betrat, befiel mich die gleiche Scheu und Beklemmung wie stets. Man kennt die abschätzenden Blicke, die Frauen untereinander haben, man ängstigt sich, daß die Stimmgewalt der Rednerinnen und ihre Eloquenz vielleicht nicht ausreichen könnten. Und man fürchtet, daß unter den gebräuchlichen Schlagworten gleich das kämpferische Wort "Gleichberechtigung" fallen wird. Es ist in den Jahren der Entwicklung der "Frauenbewegung" so oft benutzt worden, daß ihm etwas Schrittes anhaftet. Aber dennoch kann kein Zweifel sein, daß die Frauen, die sich zu Sprecherinnen ihrer Artgenossinnen gemacht haben, nicht ruhen werden, ehe dieser Begriff in seinem besten Sinne eine Erfüllung finden wird. Nun ist zwar den Frauen im Bonner Grundgesetz Gleichberechtigung zugesichert worden, aber die Verankerung in allen Gesetzen, die bis zum März 1953 abgeschlossen werden soll, hat immer neue Verzögerungen und Schwierigkeiten aufgetürmt, und es hat heiße Debatten im Bundestag gegeben bis zu jenem scharfen Ausruf eines Abgeordneten: "Gleichberechtigung! Dann können die Frauen demnächst auch in die Kohlengruben einfahren." Auch auf der Kundgebung des Deutschen Frauenringes und des Klubs berufstätiger Frauen in Hamburg ging es um den vielumstrittenen Begriff. Regierungspräsidenten! Theanolte Bänisch aus Hannover, Präsidentin des im vorigen Jahr in Pyrmont konstituierten Frauenringes (der soeben korporativ dem Internationalen Frauenrat angeschlossen wurde), gab ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, daß die Frauen noch immer diese Forderung nach Gleichberechtigung aussprechen müßten. Da sie 66 von Hundert der Wähler stellen, finden sie es nachgerade selbstverständlich, daß ihre Stimme gehört werde, auch im politischen Konzert. Die Frauen wollen aber Gleichberechtigung in einem Sinne verstanden wissen, der die Wesensunterschiede der Geschlechter nicht außer acht läßt.

Es wird auf solchen Frauenversammlungen immer Wesentliches über diese Unterschiede zwischen Mann und Frau gesagt, vieles, was den Männern schmeicheln kann, und vieles auch, was sie gar nicht gern hören würden. Erstaunlich, daß Frauen untereinander so reden müssen, da doch die meisten von ihnen im Beruf selbstverständlich neben dem Mann arbeiten, ohne daß es dabei zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen kommt. Man kann nur hoffen, daß die Männer nicht eines Tages auch die Idee haben werden, zu "Männerkundgebungen" einzuladen, um ihre Rechte gegen die Frauen zu verteidigen. Regierungspräsidentin Bänisch jedoch gehört nicht zu jenem Typ der Frauenrechtlerin, den besonders die Männer als abschreckend empfinden. So klingen ihre durchaus auf Wirkung bedachten, aber mit weiblichem Charme und innerer Beteiligung vorgetragenen Formulierungen echt und überzeugend, und sprechen die weiblichen Tugenden an: den Familiensinn, die Güte, den Instinkt, das Gefühl, die Gabe, auszugleichen und zu vermitteln. Ihre Rede zielte darauf, daß die Frauen Mut gewinnen mögen, sich im Vertrauen auf ihre Tugenden mehr und mehr in die Öffentlichkeit zu Zur Bekräftigung zitierte die Rednerin den englischen Historiker Toynbee, der gesagt hat, der Mensch müßte die Hoffnung fahren lassen, daß er für die Probleme der Welt eine materialistische Lösung finden könne. Die Konzentration auf den materiellen Fortschritt werde nicht dazu verhelfen, eine Weltgemeinschaft sich freundlich gesonnener, im Wohlstand lebender Menschen zu schaffen. Der Mensch habe mit viel Geschick verstanden, die Natur in seine Gewalt zu bekommen. Er müsse aber noch viel lernen, um sich selbst in der Gewalt zu haben. Wenn wir aber eine geistige Wandlung erstreben, sc müssen wir aufhören, die Lieblingsgötzen unserer Zeit anzubeten – die Maschine, die Nationalflagge, die Wirtschaft, ja, selbst die Wissenschaft. Was der Weit zutiefst nottut, ist eine Neugeburt des Glaubens an das Übernatürliche. Für die Wiedergewinnung des Glaubens nun könne die Frau als die vitalere, die durch die Mutterschaft dem irdischen mehr verhaftete aber auch wundergläubigere, mit großer Verantwortung im öffentlichen Leben wirken. "Ich nehme es keiner Frau ab, daß sie nicht an Gott glaubt, selbst wenn sie es behauptet", fügte Frau Bänisch hinzu.

In ihrer "Bilanz der Frauenarbeit" machte sie genaue Angaben über die in den einzelnen Ausschüssen – im juristischen, im kulturellen, im Ausschuß für Sozialpolitik und Wohnungsbau – erreichten Erfolge für die Mitbestimmung in der Regierung und in den öffentlichen Ämtern, für Bauplanungen und die Beratung bei Gesetzesentwürfen. Als wichtigste Ziele hob sie die sorgfältige und gute Berufsausbildung jeder Frau, die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihr sicheres Auftreten in der Öffentlichkeit hervor. Erst wenn genügend Frauen beredt sein werden wie die Männer, um ohne Scheu in öffentlichen Versammlungen und in den Parlamenten in die Diskussionen eingreifen zu können, wird sich der weibliche Einfluß, wie die organisierten Frauen hoffen, segensreich auf das öffentliche Leben auswirken. An diesem Punkt werden von den deutschen Frauen gern die amerikanischen Frauenverbände zitiert, die diesen Einfluß schon haben. Ziemlich banal und nichtig klingen die Themen, etwa "Sollen Frauen die Männermode ändern" oder "Sollen Frauen den Lippenstift benutzen", die als Probedebatten in den Frauenringen diskutiert werden, aber die Regierungsrätin Bänisch versicherte resolut, daß an solch einfachen Themen die Frauen sich ohne Scheu und Hemmung spielend das "handwerkliche Rüstzeug" für die Regeln der Debatte aneignen und damit sicher werden für das Auftreten in der Öffentlichkeit. Von einer Mitbestimmung in den Parlamenten und in den Dienststellen versprechen sich die Frauenverbände für ihre Mitglieder einen günstigeren Platz im Leben. Es ist jedoch dahin, so scheint es, noch ein weiter und mühevoller Weg zurückzulegen.

Zunächst erschiene es aber wohl besonders dringend, den Frauen neue Berufsmöglichkeiten zu erschließen. Die Zahl von etwa 500 000 weiblichen Arbeitslosen ist prozentual im Vergleich mit der der Männer und der Gesamtzahl der arbeitenden Frauen ungewöhnlich hoch. Der Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Arbeitslosen ist im Alter bis zu 25 Jahren sogar höher als der der Männer im gleichen Alter. Es müßte