K. W. Berlin, Ende Juni

Lausanne ist nicht der rechte Ort, um über Gefahr und Wertung der Kultur zu sprechen", sagte im vorigen Jahr David Rousset zu Ernst Reuter, "unsere Tagung müßte bei Ihnen in Berlin stattfinden." Der Berliner Kongreß der vergangenen Woche ist die Einlösung eines Versprechens gewesen. Eine Fortsetzung der Lausanner Gespräche – aber unter welch anderen Auspizien!

Zwar eine feste Vorstellung, wohin eigentlich dieser Kongreß zielen sollte, hatten zunächst die mehr als hundert eingeladenen Träger bedeutender publizistischer, philosophischer, künstlerischer Namen nicht. Nur eins ließ der Blick über die Teilnehmerliste mit Sicherheit erwarten: daß es ein Kongreß der nicht-totalitären Intelligenz im weitesten Sinne werden sollte. Daß es kein Linien-Parlament des Geistes werden würde – dafür sorgte schon der Umstand, daß so grundverschiedene geistige Temperamente zusammengekommen waren wie etwa der amerikanische Soziologe und Ex-Kommunist James Burnham, der norwegische Sozialdemokrat Haakon Lie, der konservative Engländer Amery, der italienisch-amerikanische Literarhistoriker Borgese,, der Analytiker des Sowjetsystems Arthur Koestler, der Schweizer Essayist Denis de Rougemont, der italienische Dichter Ignazio Silone und der deutsche Publizist Eugen Kogon. So waren nicht nur die Sprachen verschieden, sondern auch die Dialekte der Meinungen. Der Kongreß war eine Zusammenkunft von einzelnen, von Köpfen, deren jeder in seiner Wirkungssphäre Einsichten und Anregungen zu bieten hat.

Dennoch haben die Berliner Tage zu einem Bündnis geführt, und – das stellt das Berliner Gespräch mitten in die politische Weltproblematik hinein. Zwar suchten in den ersten Arbeitssitzungen (am Tage, an dem die ersten Meldungen vom Ausbruch des Krieges in Korea gekommen waren) einige der Referenten, aus England und Deutschland zumal, noch nach logischen Definitionen für Maß und Umfang von Freiheit und waren hart daran, der Zusammenkunft einen akademischen Charakter zu geben. Aber da trat mit fordernder Schärfe Arthur Koestler auf den Plan und nötigte seine Mitdiskutierenden immer mehr in die Einsicht, daß das Gebot der Stunde Aktivität heiße. Und das blieb das Leitmotiv der Beratungen. Hier erwies sich, welche unmittelbare Wirkung die Wahl Berlins als Kongreßort haben sollte. Genauer: die Wahl Westberlins, der "Enklave der Freiheit im Reich zwischen Elbe und Wladiwostok" (wie Ernst Reuter sagte), der Stadt, in der es (was in keiner Stadt Westdeutschlands denkbar wäre) keines polizeilichen oder gar militärischen Schutzes gegen kommunistische Störversuche bedurfte, weil ihre Bevölkerung gegen die totalitären Bazillen immun ist.

Daß man in so unmittelbarer Nähe des sowjetischen Hoheitsgebiets so frei und unbefangen sprechen konnte, gab den Reden die eigentümliche Gespanntheit, die mit ernstlicher Gelassenheit ebensowohl vereinbar war wie mit energischer Suche nach einem praktischen Ziel. Kein Wort wurde "zum Fenster hinaus" gesagt. In aller Muße sprach der englische Kritiker Herbert Read von der Vetokunst der totalitären Systeme und der Kunst-Ratlosigkeit des Westens, deutete der italienische Philosoph Lombardi auf das Ende der abendländischen Philosophie der Freiheit hin, gab der amerikanische Genetiker Muller einen großen Aufriß der zweckfreien Wissenschaft (mit der Perspektive auf Lyssenko). Doch immer wieder machte der geschichtliche Augenblick seinen Anspruch geltend. Gleich zuerst schon, als der Wiener Atomphysiker Thirring sein Referat zurückzog, das dem Kongreß der Geistigen die Vermittlung im Kalten Krieg zwischen Ost und West hatte empfehlen wollen, und das nun in der Stunde des Angriffs auf Korea gegenstandslos geworden war. Dieses Damaskus eines Appeasement-Intellektuellen (einer "Halbjungfrau der Demokratie" nach Koestlers Wort) wurde durch die Geste Alfred Webers gesteigert, der spontan und demonstrativ seine Mitgliedschaft bei der sowjetzonalen "Deutschen Akademie der Wissenschaften" niederlegte. Es bekam weitere Akzente durch die nüchterne Aufrechnung, die James Burnham mit den Begriffen "Neutralität" und "Pazifismus" vollzog, durch die scharfe Deduktion, mit der Richard Loewenthal der Möglichkeit einer dritten Kraft zwischen den beiden Weltprinzipien widersprach, und den beschwörenden Appell: "Die Einladung zu diesem Kongreß müssen wir als unsere Parteikarte betrachten", mit dem der amerikanische Russe Nabokow den Kongreß zu minutenlangem Beifall hinriß.

Es geht um den richtigen Ansatz der Aktion –: dahin spitzte sich der Lauf der Verhandlungen immer mehr zu. Arthur Koestler übernahm hierbei den drängenden Part. In der Schlußsitzung entfesselte er die Leidenschaften mit einer kühnen und scharfsichtigen Analyse, die zeigte, daß die Gegensätze von Rechts und Links, von Kapitalismus und Sozialismus keine zwingenden Alternativen mehr sind. Da gab es eine Defensivaktion der Sozialisten (Haakon Lie, André Philip, Adolf Grimme und – mit zarten Vorbehalten – der Hausherr des Kongresses, Oberbürgermeister Ernst Reuter). Aber Koestlers respektlose Entzauberung der ideologischen Phantome hatte die unausgesprochene Überzeugung der meisten getroffen.

Seine Sprache zeigt dann auch das "Manifest der Freiheit", mit dem sich nach langen internen Beratungen der Kongreß vor zwanzigtausend Berlinern in einer Schlußkundgebung an die Weltöffentlichkeit wandte. Diese erste antitotalitäre Charta begnügt sich nicht mit Postulaten. "Wir halten dafür, daß Gleichgültigkeit und Neutralität gegenüber der totalitären Drohung einem Verrat an den wesentlichen Werten der Menschheit gleichkäme, einer Abdankungserklärung des freien Geistes." Damit sind das Hinhalten, das Neutralisieren, der Elfenbeinturm gewisser westlicher Intelligenzschichten, liberaler, sozialistischer, konservativer, christlicher oder ganz individualisierter, zum erstenmal als schnöde Halbheiten öffentlich an den Pranger gestellt worden.

Der Kongreß hat mehr erreicht, als zu erhoffen war. Er hat, nicht zuletzt, die europäische C-eistigkeit mit der amerikanischen zum ersten Male konfrontiert, und daraus erwuchs, nach anfänglichem Abwarten und Abtasten, die Gewißheit, daß es nicht nur eine Zweckpolitik ist, Europa mit den USA zu gemeinsamem Handeln zu vereinigen. Die Welt des sowjetischen Totalitarismus hat in Berlin eine erste geistige Gegenfiont gefunden, die aber in sich große Kraft der Differenzierungen trägt und bewahrt. Ein permanentes Büro, das in Berlin und in Paris seine Sitze haben soll, und in das – außer dem Initiator des Kongresses, dem Herausgeber des "Monat" Melvin J. Lasky – als ständige Mitgliedern Arthur Koestler, Ignazio Silone, James Burnham, Irving Brown, Carlo Schmid, Eugen Kogon gewählt wurden, wird die begonnene Gegenoffensive wachhalten.