Von unserem römischen Korrespondenten

F.G. Rom, im Juli

Seitdem; sich in Rom eine Permit Issuing Agency der Hohen Kommission aufgetan hat – der die hochwohllöbliche Aufgabe zugesprochen wurde, den in Italien ansässigen Deutschen Reisepapiere auszustellen –, gibt es auch im Lande der Orangen "soone und solche" Deutsche. Der Eiserne Vorhang zieht sich schnurstiacks durch die Büros der Agency, und es fehlt nur noch ein Schild an der Eingangstür: Germans admittes! Niemietzkis no entry! Die Niemietzkys wären diejenigen Deutschen, die das Unglück hatten, vor ihrer Ausreise nach Italien in jenen Gebieten Deutschlands gelebt zu haben, die heute zur Pieckschen Republik gehören. Sogar die Berliner rechnen dazu, auch wenn sie ehemals in den heutigen Westsektoren wohnten. Ihnen allen verweigert man kurzerhand das vorläufige Reisedokument.

Mehr als ein Drittel aller Italiendeutschen fragt verwundert nach dem Grunde dieser absonderlichen Diskrimination, die es ihnen weiterhin verwehrt, nach 10 oder 15 Jahren Zwangstrennung ihre Mütter, Brüder oder Schwestern nördlich der Alpen wiederzusehen. Die Maßnahme erscheint ihnen menschlich ebenso unverständlich wie politisch, denn, so fragen die Italien-Pommeraner: "Varen wir vielleicht in Jalta und Potsdam dabei?" – und die Italiener-Sachsen: "Haben wir vielleicht im Juli 1945 den USA-Truppen den Rückzug aus Sachsen und Thüringen befohlen?" und die Italien-Berliner aus Tempelhof und Charlottenburg: "Deshalb die Luft-Brücke"? Aber die Agency schweigt...

Eine neue Kategorie von Displaced Persons ist im Entstehen. Am grünen Tisch der Hohen Kommissare wurde beschlossen, daß Pommeraner, Sachsen und Berliner nicht mehr Deutsche sind. Niemittzkis sind sie, Russen-Deutsche in Italien. Staatenlose, Vogelfreie wären es, wenn nicht die stets menschlich reagierende römische Fremdenpolizei die schützende Hand über sie hielte. Italiens Kommunisten grinsen höhnisch. Sie erfahren ja alles: "Ecco, l’Unita della Germania sagen sie, "da habt ihr sie, die ,Deutsche Einheit’!" Und sie reiben sich vergnügt die Hände. Die Niemietzkis aber würden verzweifeln, wenn sie nicht den blauen Himmel Italiens über sich hätten, fernab von den düsteren Frankfurter Büros.