Seit Anfang 1936 fulken scheußliche Nachrichten aus Rußland die Zeitungen der Welt. Ehrwürdige Gründer des Sowjetstaates worden scharenweise nach phantastischen Säuberungsprozessen in Moskau hingerichtet. Zehntausende, darunter deutsche Kameraden, die mir nahestanden, wurden verhaftet, ins Gefängnis geworfen und erschossen. Irgendwie erwachte da meine Erinnerung an selbst beobachteten Terror in Rußland; Erinnerungen, die ich lange unterdrückt hatte, und mein Glaube begann zu wankerii — Nach beinahe zweijähriger Abwesenheit kam Paul, mein Mann, aus Europa zurück und berichtete, daß auch Ludwig — ebenso wie wir — durch <iie Vorgänge in der UdSSR immer mehr beunruhigt würde. In den ersten Monaten des Jahres 1937 erhielt ich mehrere Briefe von Ludwig. Ich war so dickfellig, daß ich seine Anspielungen zwischen den Zeilen, seinen vorsichtig angedeuteten Rat, mit der Spiönagearbeit zu brechen, nicht bejgriff. Auch die Bedeutung eines anderen Vorfalls ging mir zu spät erst auf: Als ich auf meiner letzten Kurierfahrt in Europa war, gab mir Ludwig ungefähr 12 000 Dollar, die auf zwei New Yorker Banken eingezahlt werden sollten, für einen Mann und seine Frau, beides unter falschem Namen! Und er bat mich, doch niemandem aus der New Yorker Organisation davon zu erzählen. Als ich wieder in New York war, beschloß ich, das Geld in Schecks umzuwandeln, um die Einzahlung weniger verdächtig erscheinen zu lassen. Ein Freund nahm mich mit zum Büro von Carl Weiss King, dem Rechtsanwalt der Kommunisten, und ohne mich durch Fragen in Verlegenheit zu bringen, gab man mir zwei Namenschecks, die ich, wie angewiesen einzahlte. Die Bankbücher schickte ich dann an Ludwig, und zwar über die Adresse des American Expreß, Paris. Viel später begriff ich, daß dies die Reserve für die von Ludwig geplante Flucht nach Amerika war. Trotz seiner verschiedentlichen Andeutungen war ein bestimmter Brief Ludwigs ein Schock für Paul und mich. Darin teilte er uns mit, daß er sich von den Sowjets losgesagt habe. Er sandte uns eine Kopie seines geißelnden Briefes an Stalin "Bis heute bin ich Ihnen gefolgt", so stand da, "aber keinen Schritt weiter! Unsere Wege trennen sich! Wer jetzt schweigt, macht sich zum Verräter der Sache der Arbeiterklasse und des Sozialismus Als ich den Durchschlag las, wußte ich sofort, daß ich seinem Beispiel folgen würde. Ich machte den Versuch, mich von 1 Fred und Bill zu lösen. Aber die GPU war anderer Meinung. Es kam eine Abgesandte aus Moskau an, die sich" lächelnd als Helene vorstellte; sie kam eigens, um Paul und mich zu bearbeiten. Mit der Zeit stellte ich fest, daß sie in Wirklichkeit Elisabeth ZubUin hieß. Sie und ihr Mann, Vassili Zubilin, waren Anfang der dreißiger Jahre in Amerika tätig gewesen Übrigens kehrten sie während der Kriegsjahre auch wieder aus Moskau nach Amerika zurück, wo Zubilin verschiedene Stellen in sowjetischen Konsulaten und der Gesandtschaft bekleidete. In Moskau sollte ich feststellen, daß sie oberste GPU- oder — wie es jetzt heißt — NKWD Beamte waren. Helene war eine kleine, zarte Frau mit rabenschwarzem Haar, überraschend schön für ihre 40 Jahre. Sie vereinte in ungewöhnlicher Weise Charme, Geist und stählerne Härte und konnte überzeugend die hilfreiche Freundin spielen, obwohl sie wußte, daß das Todesurteil im Hintergrund schon bereit lag. Durch Monate hindurch "bearbeitete" uns nun Helene; sie diskutierte mit uns, bettelte und drohte. Der Kehrreim des Liedes hieß, wir sollten nach Moskau gehen, um als "gute Genossen" unsere Situation zu überprüfen; andernfalls würden wir als "Verräter wie Ludwig" gebrandmarkt werden. Warum sie immer wieder auf Ludwig und sein Beispiel zurückkam, solltfe uns bald genug klarrerden: Helene selbst brachte uns die entsetzliche Nachricht: In der Nacht vom 4. September hatte man auf einer einsamen Straße bei Lausanne eine von Maschinengewehrkugeln durchlöcherte Leiche gefunden. Die Schweizer Polizei leistete glänzende Arbeit und identifizierte das OpFer als Ignace Reiss — unseren Ludwig! — und seine Mörder als sowjetische Agenten. Eine Agentin, die vorgegeben hatte, sich ebenfalls vom Spionagenetz lossagen zu wollen, hatte Ludwig nach der Schweiz gelockt. Den Mord selbst organisierte dann ein gewisser Spiegelglass, ein Russe, dem wir bei unseren "Verhören" in der Sowjethauptstadt begegnen sollten.

Die Ermordung Ludwigs war für uas das Zeichen, daß wir selbst uns in tödlicher Gefahr befanden, und rückblickend ist mir Mär, daß wir uns wie Toren benommen haben. Logischerweise hätten wir uns der Gnade der amerikanischen Behörden überantworten müssen, aber wir steckten viel zu tief im Sumpf der Vergangenheit, um noch logisch handeln zu könnea. Uns schien nur noch die Wahl zu bleiben, uns in Moskau selbst zu stellen oder in Amerika, einer Menschenjagd ausgesetzt zu sein. Ich persönlich war gegen den Plan, nach Moskau zu gehen, aber unglücklicherweise ließ sich Paul durch Helenes Argumente erweichen. Er war viel intelligenter als ich, zugleich aber auch naiver und vertrauensvoller. So hatte er immer noch seine Zweifel, ob Moskau nicht doch vidleicht die Erlösung aus unserem Gewissenskonflikt bringen könne. Vielleicht würden wir dort wieder an unsere Sache glauben lernen. Auf jeden Fall hielt er sich für verpflichtet, sich an Ort und Stelle selbst zu überzeugen, ganz gleich mit welchem Risiko. Als es mir nicht gelang, An davon abzubringen, beschloß ich, mit ihm zu gehen. Sein Leben galt mir mehr als mein eigenes — Gerhard Eisler befand sich damals in Paris, und ich telegraphierte um seinen Rat. Zum erstenmal seit zwanzig Jahren handelte er auch an mir durchaus als Kommunist. Seine Antwort lautete: "Natürlich müßt ihr gehen", und er meinte: nach Rußland. Im Oktober gingen wir an Bord der SS. Kungsbolm, es waren genau vier Jahre vergangen, nachdem ich meine Arbeit in Amerika aufgenommen hatte. Zu unserer Überraschung und Bestürzung befand sich Helene an Bord, und sie blieb bei uns, ibis wir am 5. November in Moskau ankamen. Außenstehende werden es nur schwer verstehen können, wie Paul und ich unsere Köpfe in den Wolfsrachen stecken und nach Moskau zur Untersuchung gehen konnten. Ihnen kann ich nur erwidern, daß die geistigen Vorgänge bei alten Kommunisten, die durch das unterirdische sowjetische Labyrinth gewandert sind, für Außenstehende unverständlich sind. Unser einziger kluger Schritt — und er hat vielleicht über Tod und Leben entschieden! — war, daß wir uns hartnäckig geweigert hatten, mit falschen Pässen und auf einem russischen Schiff zu reisen, wie Helene dies uns dringend nahegelegt hatte. Wir reisten vorschriftsmäßig als gewöhnliche amerikanische Touristen mit dem Intourist. Außerdem machten wir unsere Reise so bekannt wie nur möglich. Eine Reihe von Freunden versprach, uns regelmäßig zu schreiben und Lärm zu machen, falls wir nicht zurückkämen. Heien Black, Harry Freeman, Vera Caspary in Hollywood und andere haben tatsächlich während der acht Monate, die wir in Rußland waren, mit uns korrespondiert. Sie wußten nur, ganz allgemein, daß wir uns in Gefahr befanden. Schließlich hatte Paul noch die Vorsichtsmaßregel getroffen, daß er einem Freunde eine lange beglaubigte Aussage hinterließ, mit der Anweisung, sie zu veröffentlichen, falls wir "verschwinden" sollten; wir hatten uns gesorgt, daß Helene davon Kenntnis erhielt.

jetzt, da ich dies niederschreibe, hinter Stalins Eisernem Vorhang verschluckt hat.

Wenn man verstehen möchte, wie es Paul Massing und mir gelang, aus der russischen Falle zu entkommen, muß man daran denken, daß in den Jahren 193738 der Sowjetregierung immer noch viel daran lag, mit den Vereinigten Staaten in guter Beziehung zu stehen. Heute würde mit Deserteuren aus der Organisation, wie ich es war, kurzer Prozeß gemacht. Zu jener Zeit aber wog der Kreml noch die Freiheit von ein paar untergeordneten Agenten gegen das Risiko eines Skandals in der Weltpresse ab. Und gerade damals war ein solcher Fall noch unvergessen: der Robinson iRubens Fall.

Frau Rubens war amerikanische Bürgerin und die Frau eines Nicht Amerikaners — genau derselbe Fall wie bei Paul und mir. Auch sie hatte man nach Rußland gelockt und im Hotel Metropol einquartiert. Und als sie plötzlich verschwanden, griffen ausländische Korrespondenten die Nachricht auf. Washington wurde vorstellig. Schließlich wurde Frau Rubens dann auch freigelassen. Wie gut, daß Amerika ihr Vaterland war! Anders stand es mit jenen Kommunisten, die nur noch ihre "geistige Heimat", nur noch Rußland hatten. Ich erfuhr, daß Dutzende von prominenten deutschen Kommunisten, die des Haradeln notwendig gewesen sei. So schnell war aus dem empfindlichen idealistischen Amewkaner ein harter Fanatiker geworden! Doch falls wir so izsusamtmensaßen, kam mir auf einmal die Eifeuchtuing "Hört zu, meine Freunde", verkündete ich, ging izum Telephon und rief Fred an, den einzigen aus der NKWD Schar, dessen TdepfaoiMwtmmer ich hatte. Paul geriet durch das, was nun folgte, in höchste Aufregpng. "Fred", sagte ich, "ich habe euch alle oft genug um unsere Ausreise Visen gebeten. Heute zum letztenmal. Bei mir sitzen Nod Field und hören mein Ultimatum: Falls wir bis heute aibend unsere Pässe und Visen acht bekommen, gehe ich zur amerikanischen Gesandtschaft und biete dort Freuode om Hilfe!" Ich legte iden Hörer mit einem Knall auf. Ich zittert, und 1 Paul und die Fields waren totenblaß "Jetzt hast da es geschafft", sagte mein Mann und ging im Zimmer auf und ab "Das wird uns endlich erledigen Nach einer peinlichen Piause verließen OMIS die Fields, offensichtlich bestürzt. Mir tat meine merkwürdige Handlung leid, alber ich verteidigte sie, so gwt ich konnte. Da die FieJds Zeugen gewesen waren, meinte ich, würde sich die NKWD vielleicht entschließen, uns aas ihrer tödlichen Umarmung zu entlassen. Noel war 1 ad Hertha