Ida Friederike Görres, geborene Gräfin Coudenhove,schreibt sorgsam gedachte und fein empfundene, etwas im Stile von Konrad Weiß ausgerichtete Gedichte, für die sie sich der Sonett- und der Odenform, aber auch der freien Liedform bedient („Der verborgene Schatz“ Gedichte. Verlag Josef Knecht, Frankfurt a. M.), und die Inhalte aus dem Garten eines im kirchlich-katholischen Horizont zur Ruhe und zur gepflegten Entfaltung gekommenen Lebens hernimmt. Diese Gedichte ragen über die verkrauteten und verfilzten lyrischen Gefilde der Zeit, denen freilich ohnehin mit der Währungsreform und den Nöten des Buchhandels der Schnitter Tod erschienen ist, als deutlich individualisierte und gezüchtete Gebilde wohltuend heraus. Ida Friederike Görres ist aber auch eine treffliche und umsichtige Prosaschriftstellerin, die manchen nachdenklichen Aufsatz geschrieben hat und eine wenn schon nicht strömende, so doch gesichert fließende Erzählergabe besitzt. In ihrem Buch „Die siebenfache Flucht der Radegundis“ (ebenfalls bei Josef Knecht, Frankfurt a. M.) hat sie das sehr dramatische und verwischte Schicksal der thüringischen Königstochter Radegundis und späteren Gattin Cano des Merowingers und Sohnes von Chlodwig, das ganz in der französieren frühmittelalterlichen Geschichte aufgegangen war, auch für die deutsche Frühgeschichte, soweit sie in unserem lebendigen Geschichtsbewußtsein leben sollte, heimgeholt. Radegundis ist außerdem eine Heilige der Kirche und eine bedeutsame Legendenträgerin. Die nicht ganz einfache Aufgabe, ihr Leben wiederzuerzählen, ohne einerseits in die Niederungen des historischen Kitschromans, andererseits ins nicht minder kitschige legendäre Vergülden abzugleiten, ist von Ida Friederike Görres durch ein originelles mehrschichtiges Verfahren gelöst worden. Sie hat die Erzählung in eine Gesprächsform gebracht und auf mehrere Partner, die jeweils den Standpunkt des Dichters, des Historikers oder des schlichten Menschen- oder Frauenverstandes einnehmen, verteilt. So ist ein zwar nicht romanhaft glattes, aber innerlich vielfach gegliedertes und gespiegeltes Werk entstanden, das uns die alte Königin und Heilige, wenn wir ihr nur mit Neigung begegnen, menschlich, geistig und geschichtlich nahezubringen vermag. Joachim Günther