Daß es bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein am 9. Juli Überraschungen geben wird, daran zweifelt kein politisch Interessierter. Zwar fürchtet die SPD nicht mehr den Wahlblock der "Bürgerlichen", die "Bürgerlichen" auch nicht die SPD, aber beide fürchten den "BHE", den "Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten". Seltsam, wie Deutschland die hohlen Schlagworte seiner unguten Vergangenheit heute wieder erleben muß! Da ist wieder die alberne Rede vom Gastvolk und vom Wirtsvolk, mit der Hitler einst gegen die Juden hetzte. Heute sind die "Wirte" wieder. darüber einig, daß die "Gäste" zur Last fallen, und die "Gäste" sprechen wieder von der "nationalen Schuld" ...

In einem holsteinischen Dorf, das wie fast alle Dörfer zur Hälfte aus Flüchtlingen besteht, hat man einen Flüchtling zum Bürgermeister gemacht: der verwaltet sein Amt mit wahrhaft altpreußischer Treue. Und weil er korrekt ist, gibt er zu, daß man in Schleswig-Holstein die Flüchtlinge nicht wirklich, nicht bösartig benachteilige. Er tadelt freilich die Bürokratie der Behörden. Kein Zweifel, daß diese Bürokratie dem Gedeihen des "BHE" sehr günstig ist, wenn auch wider Willen. Ist es doch eine wahrhaft bürokratische Formel, beispielsweise zu sagen, daß nur solche Leute die aus Gebieten hinter der Oder-Neiße-Linie kommen, Vertriebene seien, nicht aber diejenigen Flüchtlinge, denen es nicht gelingt, nachzuweisen, daß sie nicht in der Sowjetzone bleiben konnten. Diese unselige Anerkennung der Oder-Neiße-Linie durch die eigene Bürokratie ist dem "BHE" ein prachtvolles Agitationsmaterial. Hier haben wir also entrechtete Vertriebene, weil der Paragraph es so will, wir haben sie Seite an Seite mit anerkannten Heimatvertriebenen. Aber wir haben ja auch noch andere Entrechtete –: auch sie ein Opfer der Bürokratie. Wir haben die Opfer des Naziregimes und der Entnazifizierung, wir haben ehemalige Wehrmachtangehörige ohne Pension, wir haben Kleinpächter, vertröstete Siedlungsberechtigte und ferner noch: die Ausgebombten. Wir haben insgesamt eine Lawine der Unzufriedenen, kurzum – eine Bewegung.

Das Parteiprogramm des "BHE" hatte und hat viel Zugkraft für alle, die eine antisozialistische Partei in Schleswig-Holstein wünschen. Dennoch scheint der "BHE" nicht zu glauben, er sei der stärkste und am mächtigsten allein. In Lübeck sind Anhänger des "BHE" für eine CDU-Koalition, in Kiel für feine SPD-Koalition. Man tastet, man schwankt. Auf dem Lande sind sehr unterschiedliche Kandidaten aufgetreten, zum Teil ehemalige SPD-Mitglieder, – auch angebliche Nazi-Agenten und angebliche KP-Agenten. "Wer hat schließlich kein Vorleben!" sagt seufzend einer, der über die politische Herkunft der verschiedenen Wortführer des "BHE" ausgefragt wurde. Man dürfe allerdings darin nicht irren, daß diese Partei hauptsächlich der SPD die Stimmen abnehmen werde, und dieses Kalkül erklärt auch das verschmitzte Lächeln mancher Auguren des Wahlblocks.

Es geschah jüngst im Ratzeburgischen, wo ein arbeitsunfähiges Stadtparlament – fünf SPD- und fünf CDU-Abgeordnete – durch Neuwahl sich folgendermaßen umgestaltete: Sieben BHE-, drei CDU-Sitze, keiner für die SPD, Aber was nicht bekannt wurde, ist, daß das Ausscheiden der SPD die Folge eines persönlichen Zwistes war zwischen dem Vorsitzenden der Partei und höheren Stellen. Es gelang dem Ortsvorsitzenden, seine ganze Anhängerschaft nachzuziehen, und so blieb er am Ruder ...

Extreme Wahlmathematiker glauben, es könnte dahin kommen, daß Schleswig-Holstein, das ärmste Land des Bundes, dereinst ausschließlich von Flüchtlingen und Vertriebenen regiert werden würde. Diese Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aber – und auch die unzureichend Entnazifizierten – sie alle sind ja gar keine Klasse, keine Schicht: sie sind nur Material, das von politischen Demagogen mißbraucht wird. Die sagen "Flüchtling" und meinen die eigene Karriere!

Rolf Brahsegel