Mailand, im Juli Nach der Rettung vor dem Hunger, dem Abstoppen der Inflation und der Verminderung des Haushaltsdefizits ist die italienische Wirtschaftspolitik, wie Schatzminister Pella kürzlich sagte, nunmehr in eine neue Phase – die Realisierung eines langfristigen Investitionsprogramms – eingetreten. Für dieses Programm, das nicht zuletzt Süditalien, dem "mezzogiorno"‚ zugute kommen soll, sind Ausgaben von insgesamt 1700 Mrd. Lire geplant. Das sind, über den Dollar umgerechnet, fast 12 Mrd. DM. Nicht ganz die Hälfte dieser Summe soll für die Industrie verwendet werden, je 18 v. H. für die Land- und für die Bauwirtschaft.

Der hohe Anteil, der für die Industrie vorgesehen ist, beweist, daß Italien keineswegs gewillt ist, in dem scharfen industriellen Wettkampf auf den Märkten der Welt die Segel zu streichen. Im Gegenteil! Die geplanten Summen sollen dabei sowohl weitere Ausbauvorhaben finanzieren als auch ganz besonders helfen, die bereits vorhandenen Anlagen zu modernisieren. Wie wichtig das ist, geht aus Schätzungen hervor, nach denen mindestens ein Drittel der in der Industrie vorhandenen Maschinen veraltet ist. Das aber ist ein Kosten-Handicap, das sich die italienische Industrie nicht leisten kann, zumal die übrigen Kostenfaktoren Löhne und Soziallasten sehr hoch sind und aus innenpolitischen Gründen nicht wesentlich gesenkt werden können.

Bei diesen Überlegungen spielt die Frage des Exports eine besondere Rolle. Die Rechnung ist hier recht einfach. Erstens kann der Binnenmarkt nur einen Teil der nationalen Gesamtproduktion aufnehmen. Zweitens hat Italien keine Rohstoffe. Es muß exportieren, um einführen und mit den Importen die Produktion aufrechterhalten zu können.

Hier stehen die Dinge aber immer noch nicht zum besten. Dabei ist es weniger die Höhe der Exporte, die den Italienern Sorge macht, als die starken Schwankungen im Ausfuhrgeschäft‚ die Planung und Pflege des Marktes erschweren und ein starkes Unsicherheitsmoment darstellen. Ein Musterbeispiel dafür ist das Geschäft mit Argentinien, von dem sich die Italiener Ende 1948 und Anfang 1949 viel versprachen, das aber heute die Hoffnungen nicht mehr rechtfertigt. Während Argentinien im ersten Viertel 1949 noch an der Spitze der Abnehmerländer italienischer Waren lag, ist es im ersten Viertel 1950 auf den dritten Platz zurückgefallen. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind in Italien vor allem die Textilmaschinen- und Kunstfaserindustrie sowie die Fahrradherstellung. Mit den Ausfuhren nach Argentinien haben aber auch die Exporte nach Indien nachgelassen. Sie betrugen im ersten Vierteljahr 1950 nur noch 3 Mrd. Lire gegenüber 12,9 in der gleichen Vorjahrszeit.

Zum Glück für Italien konnte der Ausfall dieser Abnehmer wenigstens zum Teil durch eine plötzliche Belebung der Exporte nach Frankreich wettgemacht werden. Doch dieser "Boom" dürfte nicht ewig währen und wurde nur dadurch ausgelöst, daß die französische Regierung überraschend die Importbeschränkungen für Baumwollwaren aufhob, um die eigenen Produzenten zu zwingen, mit den Preisen herunterzugehen. Immerhin kam es so zu der ungewöhnlichen Situation, daß Frankreich in den ersten drei Monaten 1950 im italienischen Export auf den ersten Platz rückte vor Großbritannien (16,5 Mrd. Lire), Argentinien (14,5) und Deutschland (13,4).

Diese 13,4 Mrd. Lire, für die Italien nach Deutschland verkaufen konnte, bedeuten einen Rückgang gegenüber dem letzten Viertel des Vorjahres mit 18,4 Mrd. Daß jedes Nachlassen dieses Geschäftes hier mit besonderer Besorgnis registriert wird, beweist, für wie wichtig der deutsche Markt gehalten wird. Daher rufen die in Rom abgehaltenen Handelsbesprechungen mit der Bundesrepublik in allen italienischen Wirtschaftskreisen größtes Interesse hervor, und man verzeichnete die aufgetretenen Schwierigkeiten mit Besorgnis. Ein wichtiges Ziel der italienischen Bemühungen war es vor allem, der italienischen Obstausfuhr nach Westdeutschland eine weitere reibungslose Durchführung zu garantieren, um dem italienischen Obst- und Gemüseanbau schwere Verluste zu ersparen. Leider entspricht der dieser Tage veröffentlichte italienische Zolltarif, ein Band von über 400 Seiten, keinesfalls den deutschen Wünschen. Daß die Bedenken gegenüber diesem Tarif durchaus nicht unberechtigt sind, zeigt ein Kommentar der Mailänder Wirtschaftszeitung "24 Ore"; sie schreibt! "In der Tat erhöht der neue Tarif unglücklicherweise die Zölle gerade für die Artikel, die Deutschland nach Italien exportieren wollte."

Villantieri