Hamburger Kinderärzte haben kürzlich in einer Diskussion in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf ihre Erfahrungen auf dem Gebiet der Gesundheitsschäden im Schulalter der Nachkriegskinder ausgetauscht. Dabei wurden besonders die Probleme der sogenannten Spätschäden und des "disharmonischen" Wachstums erörtert, das in unrichtigem Verhältnis zum Körpergewicht steht und für viele Kinder kennzeichnend ist, die unter den Hungerjahren 1945/48 physisch, geistig und seelisch gelitten haben.

Die schulpflichtigen Kinder unserer Zeit haben es in vielem schwerer als ihre Altersgenossen in der Vorkriegszeit, einfach deshalb, weil die ersten Lebensjahre der heute 6–14jährigen beeinträchtigt wurden durch eine Epoche, die ganz und gar nicht "normal" war. Haben jene Jahre schon den Erwachsenen außergewöhnlich viel zugemutet, um wieviel mehr mußten sie die Gesundheit der Kleinsten in Mitleidenschaft ziehen! Die schädlichen Einflüsse der letzten Kriegs- und der ersten Nachkriegsjahre machen sich in vielen Fällen erst jetzt deutlich bemerkbar, besonders darin, daß die heutigen Schulkinder oft unkonzentriert, leicht ablenkbar und schlechthin nervös (neurose-disponiert) sind, schwer lernen und sich schwer erziehen lassen. Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Was geschieht oder was könnte – müßte – geschehen, um ein körperlich und geistig-seelisch gesundes Heranwachsen der Nachkriegskinder zu gewährleisten?

Wer folgenschwere Auswirkungen bekämpfen will, muß ihre Ursachen bedenken. Die Ursachen der häufigsten noch immer oder erst jetzt auftretenden Folgen der ungeordneten Übergangszeit vom Gestern zum Heute liegen überwiegend in der jahrelang qualitativ und quantitativ unzureichenden Ernährung. Sie sind aber zum großen Teil auch durch soziologisch ungünstige Verhältnisse, vor allem durch das Wohnungselend bedingt. Kommen Mißstände psychologischer Art hinzu, etwa aus dem Milieu unglücklicher Ehen, so ist kein Klima mehr für eine normale Erziehung eines Kindes vorhanden. Zerrüttete Ehen sind fast immer ein ebenso schlechter Hintergrund für das Aufwachsen der Kinder wie materielle Not. Daß viele Kinder ohne Vater groß werden müssen – sei es, weil er im Kriege blieb, sei es, daß die Eltern geschieden wurden –, bedeutet nahezu ausnahmslos ein schweres Manko für die Entwicklung.

Vielumstritten in dem weiten Raum alles dessen, was Sorgen um die nervösen Nachkriegskinder macht, ist die Beanspruchung durch die Schule. Während viele (besonders ältere) Lehrer der Ansicht sind, daß der heutige Lehrplan keineswegs zu viel, eher zu wenig von den Schülern verlange, sind viele Eltern und Ärzte der gegenteiligen Meinung; während jene davon überzeugt sind, daß die Schule der Gegenwart gar nicht anspruchsvoll genug sein könne, weil sie Versäumtes nachzuholen und gutzumachen hat, meinen diese – und mit ihnen mancher verantwortungsbewußte Pädagoge von Rang –, daß ein zu hoch gespannter Lehrplan nur das Gegenteil dessen erreichen könne, was er anstrebt. Erfahrungen, die in den Jahren seit 1948 gemacht werden konnten, zeigen jedenfalls, daß ein überraschend großer Teil aller Schüler durch die Schule geistig und physisch überbeansprucht ist.

Die Ursache dafür liegt offenbar außer im Lehrplan in erster Linie daran, daß unsere Schulpflichtigen mittelbar noch immer unter der Unterernährung während der Hungerjahre leiden. Es gibt eine wissenschaftliche Erkenntnis, daß Kinder bei Unterernährung im Gegensatz zu Erwachsenen keine Hungerödeme bekommen, dafür aber ihr Wachstum einstellen. Nach einer Hungerzeit, wenn die Ernährung wieder normal wird, kommt es zu einem unnatürlich raschen Wachstum der körperlich Zurückgebliebenen. Wissenschaftliche Beobachtungen haben weiter ergeben, daß bei zu rasch gewachsenen Kindern sofort Verfallserscheinungen auftreten, wenn sie in irgendeiner Hinsicht Belastungen ausgesetzt werden. Es genügen schon die sonst durchaus üblichen Belastungen, wie sie etwa eine gewöhnliche Beanspruchung in der Schule mit sich bringt, um solche Kinder zusammenbrechen zu lassen. So zeigten sich im Deutschland nach der Währungsreform bei vielen Kindern zunächst auffallende Ermüdungserscheinungen, eine permanente Unlust, zu lernen, und anomale Gedächtnisschwächen, ferner und keineswegs selten auch körperliche Mängel wie Deformierungen der Wirbelsäule, der Füße und anderes. Den Einwand, daß ein vielseitiger Turn- und Sportbetrieb hier nützliches Gegengewicht sein könnte, lassen erfahrene Ärzte nur sehr bedingt gelten, wohl aber sehen sie Schwimmen und Rhythmik als vorteilhaft an.

Naheliegend ist, daß Kinder, deren geistige Entwicklung nicht Schritt hielt mit ihrem körperlichen Wachstum, ganz allgemein "schwierig", also schwer erziehbar sind. Zu ihnen gehören besonders Kinder, die in zu frühem Alter allzu Schweres wie Bomben, Flüchtlingselend auf Landstraßen und den Anblick von Toten kennenlernten und dadurch in einem Sinne ungut beeinflußt wurden, der einer verminderten körperlichen Entwicklung diametral entgegengesetzt ist: sie wuchsen geistig zu rasch. Als Folge ihrer abenteuerlichen Erlebnisse konnte nicht ausbleiben, daß sie sich später, in wieder annähernd normaler Zeit, einer Art Vakuum gegenübersahen, dem plötzlichen Fehlen von Sensationen, die vordem zur erregenden Gewohnheit geworden waren. Ihrem bewegten Leben in der Zeit des Kohlestehlens und des oft spannenden Schwarzmarktdaseins folgte nichts Ähnliches. Ist es verwunderlich, daß Kinder, die unter häufig sogar gefährlichen Alltagsabenteuern aufwuchsen, sich nur schwer wieder an Schule und Erziehung gewohnen?

Es ist wohl selbstverständlich, daß solche Kinder einer sehr behutsamen Führung, vor allem durch das Elternhaus, bedürfen. Es gilt zwar noch keine Statistik über den Prozentsatz der nervösen, schwierigen Kinder, aber es steht auf Grund der bisher durchgeführten Untersuchungen so gut wie fest, daß der relativ größte Teil – solcher Kinder zu lieblosen Eben gehören oder zu Eltern, die – Mann und Frau – berufstätig und zuviel vom Hause abwesend sind. – Die Schule als zweiter Erziehungsfaktor von hoher Bedeutung läßt infolge ihrer heutigen Uberfüllung viel zu wünschen übrig. Lehrer, die fünfzig oder mehr Schüler in einem Klassenraum vor sich haben, können beim besten Willen nicht viel individuelle Rücksicht nehmen. Hier kann nur der Staat helfen, indem er möglichst viele neue Schulen baut.