W. M. Freiburg, Anfang Juli

In diesen Tagen sollten in Freiburg i. Br. die ersten "Ostdeutschen Hochschultage" abgehalten werden. Forscher und Gelehrte, die aus Ostdeutschland vertrieben wurden, wollten sich hier zusammenfinden, das gerettete geistige Gut zu achten und zu ordnen. Sie wollten im Interesse Deutschlands, ja Europas bekunden, daß die Grenze des Abendlandes nicht die Elbe sei. Aus "technischen Gründen" sind diese ostdeutschen Hochschultage auf unbestimmte Zeit verschoben worden – so verlautete es offiziell in Südbaden,

Als die verantwortlichen Mitglieder des Organisationsausschusses sich an den badischen Staatspräsidenten Wohleb wandten, um seine Unterstützung und Gastfreundschaft für die Tagung zu gewinnen, wurden sie zwei Monate ohne jegliche Antwort gelassen. Anfragen und Telefonate zeitigten keinen Erfolg. Und nicht genug dieser "technischen" Pannen –: es gelang auch nicht einmal, bis zu Wohlebs Vorzimmer im Freiburger Colombi-Schlößchen vorzudringen. Erst als sich die obersten Bundesbehörden einschalteten und sich für die geplanten Hochschultage einsetzten, kam eine Zusage. Inzwischen lehnte Freiburgs Oberbürgermeister Hoffmann im Einvernehmen mit dem Stadtrat das ihm angetragene Ehrenpräsidium der Tagung in zwei höflichen Schreiben ab. Als einziges Entgegenkommen wurden den Heimatvertriebenen die Freiburger Theaterlichtspiele für die Tagung überlassen. Wohlgemerkt: – nur am Vormittag!

Das ist so wenig gastfreundlich gedacht und so wenig rücksichtsvoll gegenüber geistiger Tradition, daß man es nicht versteht, wie die Vertreter eines so gastfreundlichen und traditionsbewußten Landes derart handeln können. Sie wehren sich gegen alles Nicht-Badische und wollen zugleich, daß Freiburg Fremdenverkehrsstadt. Kongreßstadt sei.

"Gut badisch, gut deutsch, gut europäisch" ist ein Dreiklang, der in fast allen öffentlichen Reden Wohlebs und Hoffmanns ertönt. Fürchten sie nicht, daß sich die Flüchtlinge bei der Abstimmung über den Südweststaat nach dieser Brüskierung gegen Alt-Baden entscheiden werden?