Von Christian E. Lewalter

Für den Film "Macbeth" von Orson Welles wurde Westberlin zum Ort der Welturaufführung gewählt, und die Teilnehmer des Kongresses für kulturelle Freiheit waren die Zuschauer. Ein kompetentes Publikum aus Kritikern der Tyrannei: Arthur Koestler, Ignazio Silone, James Burnham, Eugen Kogon, David Rousset.

Die Aktualität des Stoffes schien auf der Hand zu liegen. Die Nachrichten aus Korea hatten den Beratungen des Kongresses jede akademische Gelassenheit verboten; die kalte Dämonie des Moskauer Systems erhob ihr Medusenhaupt zynischer als je zuvor. Die Grimasse der Wahrheit, die Überfall in Friedensbemühung und Terror in Humanität umlügt, forderte zu einer Redlichkeit heraus, wie sie so unbedingt nur in Augenblicken der Einkehr, des Bekenntnisses geübt wird. Konnte da nicht aus Macbeth, dem verschlossenen Heuchler, als gutem und – um seines Untergangs willen – tröstlichem Gleichnis das bekräftigende Wort der Dichtung herausgehört werden?

Die Wirkung blieb aus. Nicht nur, weil die unbändig zugreifende Phantasie des selbstherrlichen Dramaturgen, Regisseurs und Darstellers Orson Welles die Tragödie Shakespeares zerfranste wie der Sturm die Wolken am grauen schottischen Himmel, den strengen Quaderbau des Dichters in erratische Blöcke zurückverwandelte und so die Feinfühligen und auf Differenzierung Bedachten verletzte. Sondern vor allem, weil das Symbol selbst, der Tyrann aus fahriger Machtgier, nicht der Situation dieser Tage angemessen ist.

Orson Welles hat den "Macbeth" gerade dadurch ganz heutig machen wollen, daß er den gewaltigen Stoff in die Urzeit zurückstieß, alles Höfische, Zeremonielle, Geformte, das Shakespeare der schottischen Welt seines Dramas gab, wieder tilgte und nur den Orkan der Leidenschaften toben ließ. Eben dies zerstört den Bezug auf die gegenwärtige Situation. Die Tyranneien unseres Jahrhunderts sind nicht Atavismen der menschlichen Urzeit, Ausbrüche mühsam gebändigter Elemente. Sie haben nichts Vulkanisches und nichts Primitives. Sie sind nicht Despotien von der Art jener, die vorzeiten durch den Freiheitswillen unterjochter Völker überwunden wurden. Weder Xerxes noch Attila, weder Dschingis-Khan noch Cesare Borgia lassen sich als ihre Urbilder beschwören. Kein Beispiel aus wüster Zeit, aus Epochen der Anarchie unter den Völkern verfängt, wenn man sie beschreiben will. Sie sind nicht, wie jene alle, vor der Freiheit gekommen. Sie kommen nach der Freiheit.

Despotie und Freiheit – die Alternative ist von ehrwürdigem Alter. Die Französische Revolution konnte sich für sie auf Athen und Rom berufen, und viele, die gegen die heutigen Tyranneien kämpfen, berufen sich abermals auf 1789. Auch bei den Beratungen des Berliner Kongresses geschah es so. Das mag als "Faustregel" (wie Arthur Koestler sagte) nützlich sein, denn gewiß zertreten die totalitären Regime das gesamte System von Freiheiten, deren Geltung in den modernen Kulturstaaten selbstverständlich ist, und das Bündel von Fragen, das sich allemal einstellt, wenn dieses System näher ins Auge gefaßt wird: welche Freiheit (ob die bürgerliche, die moralische, die religiöse oder die kulturelle) die eigentlich kardinale sei, ob eine ohne die andere bestehen könne oder ob "die Freiheit unteilbar" sei, wo die Schwelle sei, an der die Verletzung einer Freiheit oder des ganzen Systems anfange, die Gesellschaft zu entzivilisieren und in Chaos und Willkür zurückzuschaudern – dies Fragenbündel zeigt sofort eine peinliche Gedankenblässe, sobald die brutale Tatsächlichkeit der totalitären Regime dagegengehalten wird. Aber so schief die Fragen gestellt sein mögen, sie weisen doch auf eine innere Unruhe der Sache selbst hin und darauf, daß der Charakter der totalitären Regime in irgendeiner noch nicht recht ins Bewußtsein gekommenen Weise mit einem von ihnen unabhängigen Schicksal des Systems der Freiheiten zusammenhängt.

Hier wäre es für den Kongreß nützlich gewesen, an eine andere "Faustregel" zu erinnern. Ihr Entdecker ist Aristoteles, und sie lautet: "innerlich frei ist, wer über sich selbst verfügen kann; innerlich unfrei, wer einen anderen über sich verfügen läßt." Daß es Unfreie nicht geben dürfe, sagt Aristoteles nicht, und dies heute so selbstverständliche Postulat ist ja auch in der Tat aus der Erfahrung mit Menschen nicht abzuleiten. Es ist eine ideale Forderung, deren Realisierbarkeit davon abhängt, wie viele Menschen Neigung und Trieb haben, ihre Entscheidungen aus eigener Verantwortlichkeit zu fällen. Die Annahme, die allen modernen Revolutionen zugrunde lag, es brauchten nur die Schranken traditioneller Bevormundung zu fallen und alle Befreiten würden selig ins Morgenrot einer menschenwürdigen Zukunft schauen, diese Annahme ist nicht nur niemals durch die Ereignisse bestätigt, sondern neuerdings sogar evident durch sie widerlegt worden: nämlich durch die Existenz der totalitären Systeme.