H. J. H., Mexiko, im Juli

Die Verhandlungen einer mexikanischen Handelsdelegation in Westeuropa, darunter auch mit der Bundesrepublik, sind in Europa selbst begrüßt, in Lateinamerika mit Genugtuung, in Washington dagegen mit etwas Verstimmung zur Kenntnis genommen worden. Man erkennt in nordamerikanischen Wirtschaftskreisen, daß die Zeiten, in denen der us-amerikanisch-mexikanische Handel während dreier Jahre einen Aktivsaldo von mehr als 1 Mrd. $ zu verzeichnen hatte, endgültig vorbei sind. Mehr noch – man muß einsehen, daß die fortschreitende Erholung der europäischen (vor allem auch der deutschen) Wirtschaft ein wachsendes Interesse jener Länder am europäischen Markt bedingt, die während des vergangenen Jahrzehnts auf den nord- oder den inneramerikanischen Markt angewiesen waren. Natürlich wird der nordamerikanische Kaufmann auch in Zukunft in Mexiko "stark" bleiben. Aber aus mexikanischer Sicht schadet es nicht, wenn die USA eine beginnende Konkurrenz auf von ihnen für "sicher" gehaltenen Märkten verspüren. In diesem Zusammenhang muß auch die Kündigung des Handelsvertrages der USA mit Mexiko vom Jahre 1942 erwähnt werden. Die Kündigung geht auf die Zahlungsbilanzschwierigkeiten Mexikos zurück und dürfte sich in erster Linie bei den amerikanischen Rohölimporten auswirken.

Die einleitend erwähnte Entwicklung ist natürlich. Sie wurde jedoch von einer Reihe von Maßnahmen der USA beschleunigt. Hierzu zählt vor allem die Diskriminierung nicht nur deutscher Erzeugnisse, sondern auch englischer Chemieprodukte, italienischer Textilmaschinen und europäischer Erzeugnisse der Elektroindustrie. Solange europäische, vor allem jedoch deutsche Waren keinen oder nur einen unbedeutenden Eingang nach Zentralamerika fanden, hatte dieses wenig faire Vorgehen der USA – vor allem bei nicht übermäßig langen eigenen Lieferfristen – recht beachtlichen Erfolg. In dem Augenblick jedoch, als deutsche Waren zum Teil über Südamerika wieder nach Mexiko gelangten, die amerikanischen Lieferfristen sich unverhältnismäßig verlängerten und die von den USA geforderten Preise selbst unter Berücksichtigung gewisser Qualitätsunterschiede jede Bindung zu europäischen Preisen verloren, wurde man in der mexikanischen Hauptstadt hellhörig. Es folgten die ersten Orientierungsversuche.

Wenn dabei die deutsche Bundesrepublik zunächst auch sehr im Hintergrund stand, so konnten doch deutsche Erzeugnisse bei ihrem Auftauchen in Mexiko einen durchaus aufnahmefähigen und vor allem auch aufnahmewilligen Markt finden. Seitdem die durch gewisse alliierte Kontrollen bedingten Einschränkungen des deutschen Exportes etwas gelockert worden, ist nun nach Ansicht der mexikanischen Regierung der Zeitpunkt für eine Intensivierung und organische Entwicklung des deutsch-mexikanischen Handels gekommen.

Basis einer solchen Entwicklung ist nach den Worten des mexikanischen Außenministers ein deutsch-mexikanischer Handelsvertrag, der auf mexikanischer Seite vor allem Exporte an Baumwolle und anderen Primärprodukten des Landes vorsieht. Mexiko ist anderseits an der Abnahme deutscher Maschinen, besonders der Elektro- und Textilindustrie, interessiert. Ferner würden in einem Handelsvertrag nach offizieller Ansicht deutsche Exporte von Chemikalien und Pharmazeutika, von Eisenwaren, landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten sowie von Präzisionsinstrumenten Berücksichtigung finden. Schließlich kündigte das mexikanische Außenministerium noch eine Überprüfung jener Gesetze an, die eine Beschlagnahme und den zwangsweisen Verkauf ehemals deutschen Eigentums in Mexiko, vorsahen, da nun eine grundlegende Wandlung dieser Vorschriften erforderlich sei.