Als der Bundestag nicht nur das aktive, sondern auch das passive Wahlrecht in bezug auf die Zusammensetzung der Straßburger Delegation für sich allein in Anspruch nahm, konnte man diesen offensichtlich nicht zu Ende durchdachten Beschluß für eine der üblichen Übereilungen halten und auf gelegentliche Korrektur hoffen, Nun hat aber inzwischen der Parteivorstand der SPD jene Richtlinien ausdrücklich bestätigt und auch der Bundesfraktion der SPD sind offenbar keine Bedenken an der Richtigkeit jenes Beschlusses gekommen. Auf anderen Bänken des Hauses ist man inzwischen skeptisch geworden: Man begann nachzurechnen, wie man wohl aus den Reihen dieses Parlaments 36 Vertreter zusammenbringen könne, deren sprachliche Kenntnisse ausreichen, um den Straßburger Verhandlungen folgen oder gar in die Diskussion eingreifen zu können. Und selbst, wenn der Bundestag unter seinen 402 Abgeordneten 36 Mitglieder solcher Qualifikation ausfindig machte, wie könnte er diese Elite fünf bis sechs, vielleicht sogar acht Wochen im Jahr entbehren, und das möglicherweise, während die wichtigsten Entscheidungen zu treffen sind? Warum sollte man nicht, um mehr Spielraum zu haben, auf die Landtage zurückgreifen? Warum nicht auf die Mitglieder der Europa-Union, die schon in solchen internationalen Gesprächen Erfahrung haben?

Die wenig überzeugende Entgegnung lautet, gerade die erste deutsche Delegation in Straßburg müsse aus besonders versierten "Realpolitikern" bestehen, nicht aus Outsidern wie den Vertretern der Europa-Union. Bei allem verfassungsmäßig gebotenem Respekt vor den Mitgliedern unseres Bundestags – der gesunde Menschenverstand, der doch das hervorstechende Merkmal des gewerbsmäßigen wie des nichtgewerbsmäßigen Realpolitikers sein sollte, kam bisher in den Debatten dieses Parlaments gewiß nicht so überzeugend zu seinem Recht, daß der Anspruch des Bundestages auf alleinige Legitimation als Repräsentanz realpolitischen Sinnes berechtigt erschiene.’ Mit dem "Alles-selber-machen-wollen" hat man in Deutschland schon genug schlechte Erfahrungen gemacht. Auch der Bundestag sollte sich vor dieser politischen Autarkie-Sucht hüten, R. S.