Man soll die Dinge von allen Seiten beleuchten. Den Geburtstag der D-Mark haben wir am 21. Juli gefeiert, und wir standen nicht an zu sagen, daß unser Geld wieder funktionsfähig ist. Ferner wurde allseits Prof. Erhards Wirtschaftspolitik während dieser zwei Jahre gewürdigt; bei allem Streit um Einzelheiten sind seine Prinzipien, die er mit der Währungsreform zu verwirklichen begann, heute außer Diskussion. Nun meldet sich, nach "Geld" und "Gütern", das "Kapital" zu Wort. Und hier gibt es wirklich nichts mehr zu loben, wenn nicht das Geschick hervorragender Finanziers (wie Abs, Schniewind, Trón), das wenige lenkfähige Kapital, das durch ihre Hände geht, doch etwas zu ordnen. Von Koordination kann dagegen nicht die Rede sein.

Wer es noch nicht wissen sollte, wie es am Kapitalmarkt aussieht, der möge in den ersten Jahresbericht der Kreditanstalt für Wiederaufbau hineinsehen! Man möge nicht einwenden, durch die Wiederaufbaubank seien 1949 ja nur 560 Mill. DM weitergegeben und 1950 darüber hinaus erst weitere 1,3 Mrd. DM Kreditzusagen erteilt worden. Und das bei doch wohl etwa 12 Mrd. DM Jahresinvestitionen im Bundesgebiet. Der Anstalt käme folglich gar nicht das Gewicht zu, das man ihr gern beimesse, nur weil sie zahlen- und plan-genau arbeiten könne... So einfach ist das nicht. Natürlich ist die Aufgabe der Wiederaufbaubank, die sie praktisch erst Anfang 1949 übernahm, auf 3 Mrd. DM Gesamtverbindlichkeiten begrenzt. Sie soll in erster Linie GARIOA- und ERP-Gegenwerte weiterleiten und sich außerdem langfristige Mittel für Wiederaufbaukredite durch Ausgabe von Inhaberschuldverschreibungen (bisher ganze 58 Mill. DM bei zwei "gut" ausgestatteten Anleihen) sowie durch Darlehensaufnahmen beim Bund und im Ausland verschaffen. Doch diese "Begrenzung" ist nicht das Entscheidende. Die Selbstfinanzierung geht zurück. Investitionsmittel aus Steuern – allzu oft "optisch" eingesetzt – lassen nach. Der echte Kapitalmarkt leidet unter falschen Zinssätzen. Das steuererleichterte Sparen ist zu kompliziert. Die Banken rufen nach "Umschuldung". Kurz, es bleibt für die Erfüllung der Marshall-Planung, die auf eine europäische Produktions-, abstinmung, mehr schlecht als recht vorläufig, hinausläuft, nur der Kapitalstrom über die Kreditanstalt,

Und diese Planung hat Tücken! Mr. Hoffmans Amt verlangt die Vorlage individueller Investitionsprojekte. Ein interministerieller Arbeitsausschuß plant diese für die ECA. Die Länder machen hierzu Vorschläge. Es soll sowohl die Gesamtproduktion gesteigert, als auch gleichzeitig die Erzeugung modernisiert und rationalisiert werden. Der Flüchtlingsbedarf ist zu berücksichtigen. Länderquoten werden hierfür ausgehandelt. Aus politischen Gründen sind auch volkswirtschaftlich nicht dringliche Kriegsschäden aus Gegenwertmitteln zu beseitigen. Es besteht kaum eine Koordinierung der verschiedenen Programme. Zugesagte GARIOA-Gelder trafen nur zur Hälfte ein; Kreditbanken aber, kapitalschwach wie sie sind, hatten vorfinanziert – also Übernahme dieser Zusagen auf künftige Gegenwertprogramme, damit Bindung der "Planung" auf lange Sicht. Das Ergebnis: vom 2. Gegenwertprogramm in Höhe von 1150 Mill. DM sind bereits 922 Millionen "vorbelastet". Folglich müssen bereits zugesagt; Gelder zum Teil wieder zurückgezogen werdet. – Wer will das noch Planung nennen?

Ural die Finanzierungstechnik: Jedes Gewerbe bedarf anderer Finanzierungsformen. Bei Unternehmen mit ungeklärten Besitzverhältnissen sagt zudem keine Hausbank für Millionen Investitionskredite gut: also direkte Finanzierung. Dann haben unsachgemäße Veröffentlichungen von Kreditlisten unerfüllbare Hoffnungen geweckt. Zum Teil haben Banken vorfinanziert, weil sie glaubten, sie könnten auf die Wiederaufbaubank zurückgreifen. Die Risiken wachsen laufend; an einen Kapitalmarkt können sie nicht abgegeben werden, weil er praktisch nicht besteh;. Daher gab die Marshall-Plan-Verwaltung der Anstalt einen zinslosen 94 Mill. DM-Rückhalt. Und: Investitionen nützen nur dort, wo Betriebsmittel vorhanden sind, die Investition auch am Anlaufen zu bringen. Wo aber sind die Sicherheiten für die einschlägigen Kreditbanken da oft bereits das gesamte Betriebsvermögen für die Investitonskapitalien "gut" sagen muß. Fehlt der normale Finanzierungsweg, dann lauert es lange, bis Landesbürgschaften beigebracht sind. Die Länder stellen dann wieder Sonderforderungen. Die Grundbuchämter müssen nachfolgen. Nicht zu vergessen: Emissionsfähige Unternehmen sind zu suchen, um die Haftung der zwischengeschalteten kapitalschwachen Hausbanken zu verringern.

Probleme über Probleme also; einmal, weil die Kapitalverteilung – mehr ist es noch nicht – erst anläuft, und zum zweiten, weil für den "genannten Kapitalmarkt im Bundesgebiet noch keiner ei Konzeption zu verspüren ist.

Bernd Weinstein