Mainz, Anfang Juli

Hanne Wandrill, die Titelheldin des jetzt am Städtischen Theater Mainz uraufgeführten Schauspiels von Hermann Josef Himstedt, ist eine Deutsche, die einen Franzosen geheiratet hat und von ihm zum Flintenweib gemacht wird. Er erpreßt sie, die Führung des Maquis zu übernehmen, und sie läßt ihre eigenen Landsleute töten. Doch dann kommt ein träumerischer junger Offizier (halb Prinz von Homburg und halb Leutnant Hartmann aus "Des Teufels General"), der sie nicht nur liebt, sondern auch ihr Verwandter ist und sie retten will. Ferner kommt ein Regiments-Kommandeur dazu, der wieder der Stiefvater des besagten jungen Offiziers ist und zugleich in nicht näher erklärten Beziehungen zu Hanne Wandrill stand. Endlich erscheint auch noch ein enttäuschter Feldwebel, den seine Frau betrog und der nun die Hanne heiraten will. Aber sie verschmäht ihn, der Regiments-Kommandeur verurteilt sie der Partisanentätigkeit wegen zum Tode, der Leutnant will mit ihr nach Deutschland fliehen, der Feldwebel läßt ihr durch einen Unteroffizier den Genickschuß geben, und zu guter Letzt knallt noch Hannes französischer Ehemann den jungen Offizier mit der Maschinenpistole über den Haufen.

Das ist eine arg verwickelte Geschichte, die zwar in den Voraussetzungen der menschlichen Schicksale nicht gerade glaubhaft ist, dagegen – zumindest gegen den Schluß hin – mit Kriminalreißer-Effekten hantiert, als wäre sie von Edgar Wallace geschrieben. Da werden Geheimbefehle des Maquis verloren und verräterische Medaillons verschenkt, und wenn die Handlung weitergehen soll, werden telephonische Befehle vermittelt oder erschütternde Briefe auf einem Tablett auf die Bühne gereicht. Der Autor Himstedt war schon 1947 mit seinem Erstlings-Stück "Söhne" in Frankfurt durchgefallen; diesmal hat er zumindest einige schöne Worte über Pflicht, Verantwortung und Gewissen gefunden – und im übrigen gezeigt, daß seine eigentliche Begabung wohl im Genre des Thrillers liegt.

Intendant Dr. Hamann Dollinger, der jetzt als Sendeleiter zum Bayerischen Rundfunk nach Nürnberg geht und sich mit dieser Inszenierung von Mainz verabschiedete, hat die faustdicke Kolportage nicht ernster genommen, als sie es verdient, dabei aber doch den ethischen Reflexionen genügend Spielraum gelassen, die aufdringliche Wildwest-Knallerei im Schlußbild sehr geschickt gedämpft und statt dessen mit Erfolg auf die Tränendrüsen der Zuschauerinnen gedrückt. Man hätte ihm als Abschluß seiner vierjährigen Mainzer Tätigkeit, in der er sein Theater zu einem der besten des Südwestens machte, eine bessere Aufgabe wünschen mögen. Daß er diese kuriose Familien-Moritat noch zu einem Publikumserfolg brachte, ist allerdings auch ein Beweis ungewöhnlichen Könnens.

S. F.