Bad Schwalbach, Ende Juni

Das Gespräch von 140 Vertretern der beiden christlichen Kirchen und des Films, die sich in Bad Schwalbach trafen, kreiste immer wieder um die wirtschaftliche Notlage der gegenwärtigen deutschen Filmproduktion und zeigte den Ernst, mit dem man hier um die wirklich brennendsten Probleme bemüht war. Dr. H. B. Baum (vom Filmproduzentenverband), der das Manuskript seines Referates "Die Probleme der Filmwirtschaft" in einer schwarzen Mappe mitgebracht hatte, entwarf denn auch ein mehr als düsteres Bild, das auch von einem namhaften Filmpraktiker, dem Regisseur Josef von Baky, nur unterstrichen wurde. Einerseits ist es die steuerliche Belastung (sie ist höher als die Produktionskosten (!) sich belaufen), die den deutschen Nachkriegsfilm hemmt, andererseits erschweren ihm die merkantilen Praktiken der Verleiher und der branchefremden Kreditgeber das Leben, die sich in die künstlerischen Belange einmischen und die die sogenannte "alte Masche" als einzig gewinnversprechend ansehen. So war es keine Überraschung mehr, als am letzten Tag in der Aussprache mit Bundesinnenminister Heinemann nun auch noch offiziell angekündigt wurde, daß bei der bevorstehenden Ausfallbürgschaft des Bundes natürlich die geschäftlich erfolgssichersten Objekte bevorzugt würden. ("Die Reise nach Marrakesch" etwa würde demnach wohl Staatsgelder erhalten und vom Steuerzahler finanziert werden, die durch ihre Problemstellung zunächst ein Risiko bedeutende "Nachtwache" dagegen nicht.)

Die Schauspielerin Hilde Körber warf in ihrem Vortrag "Das Berufsethos des Filmdarstellers und der filmische Nachwuchs" das schöne Wort von der Verantwortung in die Debatte, das dann zum Mittelpunkt und zum Ziel der ideellen Bestrebungen dieser Tage wurde. Die Verantwortung gegenüber dem eigenen Gewissen, gegenüber dem Nächsten und gegenüber Gott – das, wie hier gesagt wurde, ist es, was heute dem Filmschaffen fehlt. Das "Suggestiv-Phänomen Film" (so nannte auch der Münchener Filmwissenschaftler Dr. Kurt Wortig seinen einleitenden Vortrag) nimmt dem Zuschauer durch die Unmittelbarkeit des Bilderlebnisses die eigene Denkarbeit ab; er hat keine selbständige Einstellung mehr, sondern seine geistigen und seelischen Reaktionen werden von den Einstellungen der Kamera diktiert. Und unter diesem Vorzeichen muß es mit zum Hirtenamt der Kirchen gehören, nun "mit wachsamer Sorge" die Entwicklung und die Wirkung des Films zu beachten,

Was dabei heute an sogenannten "religiösen Filmen" gezeigt wird, befriedigt die Kirche nicht. Die sadistischen Grausamkeiten der Märtyrer-Legenden ("Im Zeichen des Kreuzes", "Fabiola") spekulieren auf die niedrigsten Instinkte der Menge, die bußfertigen oder hemdsärmeligen Pfarrergestalten verlieren durch das Verallgemeinerungsgesetz des Films allzuviel an innerer Wahrhaftigkeit, und die immer häufiger werdenden Kirchenszenen seien nur des Sentiments wegen oder nach der Wirkung ihrer dekorativen Optik gewählt. Nicht nur das Christusleben, sondern überhaupt das Heilige, das Wunder und die Sakramente verschließen sich der kinematographischen Darstellung. Der Film habe nur die Möglichkeit, das Religiöse in einem menschlichen Schicksal wiederzuspiegeln. Er solle vor allem "das echt Menschliche bewahren und die heilenden Kräfte der der Lebensbewältigung stärken", heißt es in der abschließenden Resolution, die in Gegenwart von Landesbischof D. Dr. Hanns Lilje beraten und beschlossen wurde. So viele praktische Vorschläge und Forderungen auch zutage traten: Steuersenkung für gute Filme durch bundeseinheitliche Prädikatisierung, Vorfinanzierung von Filmstoffen, Befreiung der Produktion von der Bevormundung durch außerkünstlerische Instanzen, Kollektivproduktionen geeigneter Filmschaffender, Heranbildung und Förderung eines wertvollen Nachwuchses, Bildung eines urteilsfähigen Publikums durch kirchliche Filmbesprechungen und durch die Arbeit der Filmklubs – sie alle sollen diesem Menschlichen dienen, von dem zu künden die schönste Aufgabe der Filmkunst ist. Daß in Bad Schwalbach fast in den gleichen Tagen immer wieder um die persönliche Verantwortung gerungen wurde wie – – unter anderen Vorzeichen zwar – auf dem Berliner "Kongreß für kulturelle Freiheit", hat zweifellos seine innere Bedeutung und scheint ein wichtiges Positivum in den geistigen Strömungen der Zeit. Ulrich Seelmann-Eggebert