Der Kreml habe offenbar nicht die Absicht, – einen dritten Weltkrieg herbeizuführen – dies. stellten, sichtlich erleichtert, offiziöse Sprecher der westlichen Mächte vor nunmehr acht Tagen fest. Auch die westlichen Zeitungen verzeichneten mit Genugtuung eine Lockerung der allgemeinen Spannung. Grund hierfür war Moskaus Antwort auf die Botschaft, die Präsident Truman an die sowjetische Regierung gerichtet hatte. Zwar hatte man es im Kreml strikt abgelehnt, bei der nordkoreanischen Regierung dahin zu wirken, daß sie ihre Truppen hinter den 38. Breitengrad zurückziehen solle. Man hielt auch an der Fiktion fest, Südkorea sei der Angreifer gewesen – genau wie seinerzeit Hitler bei Beginn seines Angriffskrieges gegen Polen polnische Oberfälle erfunden hatte Auch fuhr Moskau fort, zu erklären, die Beschlüsse des Sicherheitsrates seien ungesetzlich. Doch fand sich in der Antwort endlich auch diese Formulierung: "Die Sowjetregierung hält an dem Grundsatz fest, daß eine Einmischung ausländischer Mächte in die inneren Angelegenheiten Koreas unzulässig ist." Es war dieser ein wenig kryptische Satz, der eine allgemeine Beruhigung hervorrief. Aus ihm entnahm der Westen, daß Rußland den Wunsch habe, den koreanischen Konflikt zu lokalisieren.

Nun, wir glauben, daß ein so unbestimmter Satz aus einer Sowjetnote wenig Gewicht hat. Man könnte aus ihm höchstens entnehmen, daß der Kreml offenbar zunächst einmal Bedenkzeit gewinnen will. Die Entschlossenheit, mit der man in Washington auf die kommunistische Herausforderung reagierte, hat in Moskau doch wohl verblüfft. Dafür spricht der ziemlich ratlose Artikel der Prawda vom 29. Juni, der den Titel trägt: "Wie die Aggression gegen die Koreanische Volksdemokratische Republik vorbereitet wurde." Dieser Aufsatz, der erste, der zum Korea-Konflikt veröffentlicht wurde, enthielt bezeichnenderweise nur sehr gewichtslose Anschuldigungen gegen die Westmächte. Offenbar hatte man sich im Propagandaamt des Kreml nur auf einen schnellen Sieg der Nordkoreaner vorbereitet.

Aber könnte die ziemlich unverbindlich formulierte Zurückhaltung in der Note des Kreml nicht auch bedeuten, daß man abwarten will und sich vorbehält, zu gegebener Zeit doch noch an dem Korea-Konflikt einen dritten Weltkrieg zu entfachen? Wir meinen, auch diesen Schluß kann man nicht ohne weiteres ziehen, und zwar aus zweierlei Gründen: Einmal ist die Macht der Sowjetunion in ihren europäischen Satellitenstaaten noch keineswegs so konsolidiert, daß der Kreml im Falle eines Krieges nicht mit hartnäckigen Partisanenkämpfen rechnen mußte. Und ferner – und darauf haben wir schon vor acht Tagen hingewiesen – beträgt die Stahlerzeugung der Sowjetunion einschließlich ihrer Satelliten nur höchstens ein Fünftel der Friedensproduktion in der westlichen Welt. Das aber bedeutet eine hoffnungslose Unterlegenheit der sowjetischen Kriegswirtschaft. Erst eine Entwicklung des nordchinesischen Industriepotentials nach modernen Methoden könnte es dem Kreml überhaupt ermöglichen, mit einer gewissen Chance, ihn zu gewinnen, einen dritten Weltkrieg anzuzetteln,

Allerdings darf man nicht vergessen, daß bei jedem bewaffneten Konflikt unvorhersehbare Ereignisse eintreten können, die es mit sich bringen, daß er sich zwangsweise mehr und mehr ausbreitet. So hatte man in Washington zunächst nur ein Eingreifen von Kriegsschiffen und Flugzeugen vorgesehen. Jedoch der Zusammenbruch der südkoreanischen Front zwang die Amerikaner zum Einsatz von Bodenstreitkräften. Auch wollte man die Kampfhandlungen auf das Gebiet südlich des 38. Breitengrades beschränken. Aber die rege Tätigkeit der feindlichen Flieger nötigte das amerikanische Oberkommando, auch die nordkoreanischen Flugplätze zu bombardieren.

Zum weiteren grenzt Nordkorea nur zu einem kleinen Teil an Sowjetrußland, im übrigen aber an das kommunistische China. Der Außenminister der Chinesischen Volksrepublik aber hat verkündet, die Erklärung des Präsidenten Truman, er werde die siebente amerikanische Flotte nach Formosa schicken, bedeute eine Angriffshandlung gegen Rotchina. Hiergegen werde das chinesische Volk bis zum Ende kämpfen. Und so meldete denn Associated Press bereits auf Grund von Berichten des nationalchinesischen Geheimdienstes, daß 20 000 rotchinesische Soldaten an der Grenze zwischen der Mandschurei und Korea stehen, bereit, die Nordkoreaner gegen die amerikanischen Truppen zu unterstützen.

– Diese Erweiterung des Korea-Konfliktes könnte zweifellos gefährlich werden, auch dann, wenn die Sowjetunion ihre Nichteinmischungspolitik trotz ihres Bündnisses mit Peking nicht aufgeben sollte. Denn wenn Rotchina eingreift, ist nicht abzusehen, wie es jemals zu einem Frieden kommen soll, ganz gleich, ob die USA-Truppen den 38. Breitengrad überschreiten werden oder nicht. Vermutlich bliebe dann den Amerikanern nichts anderes übrig, als ständige Kämpfe an der Grenze Nordkoreas zu führen oder Tschiangkaischek bei dem Versuch zu unterstützen, Rotchina wiederzuerobern. Oder sollte man etwa die Sowjetunion um eine Friedensvermittlung angehen und damit ihre Vormachtstellung im Fernen Osten anerkennen?

Zwar würde all dies immer noch nicht den Beginn eines dritten Weltkrieges bedeuten, aber es müßte doch dazu führen, daß die Amerikaner sich immer stärker, in Korea festbeißen. Dadurch wiederum könnte der Kreml verleitet werden, an anderen "weichen Punkten" der Kalten Front den Kalten Krieg zu erhitzen – immer natürlich nach dem Prinzip der Nichteinmischung! So könnten etwa kommunistische Chinesen zur Unterstützung Ho Chi Minhs in Vietnam einfallen oder in Thailand, vielleicht auch in Burma und Malaya helfen, einen kommunistischen Aufstand zu erregen. In Persien könnte die verbotene kommunistische Tudeh-Partei einen Putsch versuchen, um das Streiche Aserbeidschan der Sowjets auszuliefern. Endlich könnte Jugoslawien von Rumänien, Ungarn und Bulgarien überfallen werden, und sollte es dabei unterliegen, dann würde sehr bald der griechische Bürgerkrieg wieder beginnen, und die Türkei würde erneut an den Dardanellen bedroht sein. Schon schrieb das Zentralorgan der tschechischen kommunistischen Partei, Rude Pravo, zum zweiten Jahrestag der Kominformresolution gegen Jugoslawien, das "Friedenslager" garantiere die Beseitigung des faschistischen Tito-Regimes in Jugoslawien.