Von Axel Use

Nachdem man im Geschäftsleben nicht mehr zählt und bei den Mädchen nicht mehr für voll genommen wird, wenn man nicht auf Kreppsohlen daherkommt, habe ich mir an meine Schuhe auch solche Dinger dranmontieren lassen. Mein Gang hat sich – durch die für mich neuartigen Sohlen bedingt – um etwa zwanzig Jahre verjüngt. Es war ja bisher auch seltsam genug: alle Räder, alle Fahrzeuge laufen auf Federn, Nur die "Fahrzeuge", die der Mensch täglich über seine Füße stülpt, waren ziemlich unelastisch. Die Kreppsohle bedeutet den Schuh auf Federn.

Man kann seinem Gang damit ganz mühelos das Schleichende geben, das die Füchse in der Landschaft auszeichnet. Man kann daherschweben, wie einem eine solche Fortbewegung sonst nur im Traum begegnet ist. Man bedenke, was allein die Lautlosigkeit wert ist. Alle Witze über furchtsame Ehemänner, die sanft betrunken nach Hause kommen und! sich angsterfüllt die Schuhe schon auf (der Straße ausziehen, brechen jäh zusammen. Auf Kreppsohlen kehrt er absolut geräuschlos heim. Allerdings wird das Knarren der Treppe meinen Erfahrungen nach durch die Kreppsohle nicht verhindert. Es ist dies eine Tatsache, die von eminenter Bedeutung ist für Liebespaare, die über irgendwelche Stiegen im Schutze der Nacht, die die Freundin der Verliebten ist, zueinander zu eilen gedenken.

Noch eine andere Erkenntnis verdanke ich den Kreppsohlen an meinen Füßen: daß die Verwendung drastischer Worte in der Umgangssprache des Mittags sehr zugenommen hat. Was ich da. bisher – lautlos Leute, die in derselben Richtung auf der Straße gehen, überholend – an Gesprächsfetzen hörte, kann ich nicht gut wiederholen. Auch muß ich sagen, daß Liebespaare, in deren Gespräche ich solcherart hineingeriet, sich keineswegs in einem derartigen Ausmaß mit Zärtlichkeiten überhäufen, wie ich annahm. Die Liebenden reden vielfach von ganz profanen Dingen. Auch die Engheit des Umschlungenseins, mit dem sie schattenreichen Parks zustreben, täuscht. Vielleicht sind die profanen Themen, die sie eng umschlungen wandelnd abhandeln, eine Tarnung vor sich selbst. Aber ich schnappte, ohne es zu wollen, auch andere Dinge auf, die die Schreibmaschine erröten lassen würde, wenn sie sie wiedergeben sollte. Es ist alles relativ, aber bei Rilke oder in "Hermann und Dorothea" fand ich andere Dialoge, von denen ich annahm, sie seien üblich unter dan Liebenden. Man kann sich aber schließlich nicht immer vorher räuspern, wenn man abends an Liebespaaren vorübergeht.

Auch Beanstandungen will ich nicht verschweigen: Damen, die einen näher kennen, nehmen Anstoß daran, daß man so "unternehmungslustig" streitet, wenn man von ihnen fortgeht, Sie sehen darin eine Demonstration, obwohl es doch nichts als eine natürliche Folge der Kreppsohlen ist, die man trägt. Solche Verdachtsmomente aber, die sich in Damen festsetzen, können weittragende Folgen haben. Ich kann also den Herren nur empfehlen, wenn sie von Damen fortschreiten, das Federnde, das die Kreppsohlen dem Gang verleihen, so lange zu mildern, bis sie außer Sicht sind. Auch das Vortäuschen von Elan und Jugendlichkeit verlangt Umsicht, wenn es nicht zu Rückschlägen führen soll.