Holzminden, im Juli

Seit rund fünf Jahren ist Holzminden vom jenseitigen Ufer der Weser abgeschnitten. Statt der weiten Brückenbogen, die sich bis zum Kriegsende in dem Fluß spiegelten, zuckelt eine Fähre langsam und gemütlich hin und her. Jetzt wird langsam eine neue Brücke gebaut. Voll Dankbarkeit steht man in Holzminden in diesen Wochen am Ufer, um das Wachsen der Joche zu erleben. Denn von hier führen viele Wege quer durch das Weserbergland mit seiner herb-verträumten Landschaft: Zum Beispiel nach dem verträumten Burgnest Polle, nach Steinmühle und nach jenem Bodenwerder, das der Freiherr von Münchhausen – denn hier steht das Schloß seiner Ahnen – zum Ausgangspunkt abenteuerlicher Weltreisen gemacht hatte. Bodenwerder ging es wie Holzminden: die Brücke wurde 1945 zerstört. Hier aber baute man sie schneller wieder auf als in Holzminden und kassierte von jedem Passanten einen beachtlichen Obulus. Als die hohe Obrigkeit ob dieses recht ungewöhnlichen Brückenzolls endlich zu schimpfen begann, konnte man unverzüglich und mit lächelnder Münchhausenmiene den Brückenzoll einstellen: das "Soll" war längst erfüllt!

Von der beherrschenden Höhe des Köterberges mit seinen 500 m hat man einen weiten Blick über das Land, von dem Wilhelm Raabe sagte: "Es ist eine Gegend, in der man schon mit erklecklichem Behagen geboren worden sein kann!" Jenseits der Weser erspäht man Schloß Bevern, ein Beispiel echter Weserrenaissance. Zu den Füßen liegt Höxter, eine alte Hansestadt mit wohlerhaltenen Bauten aus längst vergangenen Zeiten. Davor die einstige Reichsabtei Corvey, das älteste Baudenkmal Westfalens. Und aus Fürstenberg am anderen Ufer kommt seit Jahrhunderten berühmtes Porzellan. Über das beschauliche Beverungen mit seiner neuen Weserbrücke gebt es weiter nach der von Karl dem Großen 797 gegründeten Burg Herstelle und der weißen Barockstadt Karlshafen, die vor nunmehr 251 Jahren von Hugenotten zwischen den grünen Höhen des Solling und des Reinhardwaldes angelegt worden ist. Inmitten der Stadt liegt das Hafenbecken, in dem sich die Giebel der weißen Häuser widerspiegeln.

Die Krone des Weserberglandes aber ist der Solling. Einsame Straßen führen über Höhen und durch Täler. Klein und winzig nehmen sich in der Größe dieses Wald- und Berggebietes die wenigen Dörfer aus. – Einfallstore in dieses erlebnisreiche Weserbergland gibt es viele. Hannoversch-Münden, die unzerstörte schöne Waldstadt an Fulda, Werra und Weser, die Stadt des Dr. Eisenbarth, die Alexander von Humboldt als "eine der sieben am schönsten gelegenen Städte der Welt" bezeichnete, gehört dazu, wie auch die alte Rattenfängerstadt Hameln und Hildesheim, die tausendjährige Stadt zwischen Harz, Heide und Weserbergland. Sie vor allem hat in den vergangenen Jahren unermeßlichen Schaden an alten Kulturstätten erlitten.

Für uns Kinder eines der unruhigsten Jahrhunderte ist das Weserbergland mit seiner Stille Zuflucht aus Geschäftigkeit und Unrast. Und wenn man von den Weserhöhen den Dampfern und Schleppern nachblickt, fällt es einem wie von selbst ein, daß diese Erde viele Dichterheimaten birgt: neben Wilhelm Raabe haben Konrad Beste, Hoffmann von Fallersleben, Bernhard Flemes, Friedrich Wilhelm Weber, Annette von Droste-Hülshoff, Hans Grimm, Hermann Löns, Heinrich Sohnrey und Joachim Heinrich Campe dieses Land geliebt, von jenem Lügenbaron von Bodenwerder einmal ganz abgesehen. W. Wenzke