Während über den Aufbau der "amtlichen" Wirtschaftsvertretungen im Bundesgebiet noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen sind, ist eine Regelung für Westberlin so gut wie abgeschlossen, wenn auch einige Formalitäten noch ausstehen. Berlin war über fünf Jahre ohne Industrie- und Handelskammer. Aus dem Fehlen einer repräsentativen Spitze der Wirtschaft hatten sich so große Nachteile ergeben, daß man nicht warten konnte, bis eine bundesgesetzliche Regelung, der die Errichtung der Berliner Kammer jedoch nicht vorgreifen will, perfekt ist. Nachdem Entwürfe des Magistrats von den Kommandanten abgelehnt waren, haben die Fachverbände unter Führung des "Industrieausschusses West" und . der "Arbeitsgemeinschaft Handelskammer e. V." beim Oberbürgermeister die Zulassung einer "Industrie- und Handelskammer zu Berlin e. V." beantragt. Die neue Kammer wird in vielen wesentlichen Punkten den regionalen Organisationen in der US-Zone gleichen: sie wird nicht öffentlich-rechtlichen Charakter haben und daher auch nicht hoheitsrechtliche Aufgaben übernehmen, sondern als eingetragener Verein mit freiwilliger Mitgliedschaft tätig sein.

Die Kammer wird aber in ihrem Aufbau etwas völlig Neues darstellen. Mitglieder können nämlich nicht nur die einzelnen Unternehmer, sondern auch alle wirtschaftlichen Verbände werden. Der Zulassungsantrag ist nicht von Einzelpersönlichkeiten, sondern von den Vertretern von 95 Wirtschaftsverbänden unterzeichnet.

Bestechend wirkt zunächst der Gedanke der Zusammenfassung aller Interessen in einer Spitze, was für Berlin eine wirkungsvollere Kräftekonr zentration bedeuten mag als ein Nebeneinander von regionaler und fachlicher Vertretung. Auch Einsparungen an Verwaltungskosten sprachen bei der Wahl dieses neuen Kammertyps mit, da die Beitragseingänge für die Fachverbände ohnehin schon sehr schlecht sind. Der Bundeswirtschaftsminister, dessen Gutachten vom Berliner Magistrat hierzu eingeholt wurde, hatte gegen diese neue Kammerform für Berlin keine Bedenken, fügte allerdings hinzu, daß damit kein Präjudiz für das Bundesgebiet geschaffen werden dürfe. Die neue Konstruktion birgt auch Gefahren in sich: Praktisch werden Einzelmitglieder kaum vorhanden sein, da die korporative Mitgliedschaft über die Fachverbände ja bedeutend billiger ist. Die Vollversammlung, der von ihr zu wählende Beirat und das von ihm zu wählende Präsidium sind daher Organe der Verbände, die übrigens in Berlin im Durchschnitt weniger als 50 v. H. der Unternehmer repräsentieren, während in der Organisation der Handwerkskammer die tragenden Innungen sogar nur 10 bis 50 v. H. der Betriebe vertreten dürften.

Es fehlt auch in Westdeutschland in Wirtschaftskreisen, noch. mehr aber in den Kreisen der Verbände, nicht an Sympathien für dieses "Unikum" einer Kammer, und man wird versuchen, bei den Erörterungen über die bundesgesetzliche Regelung des Kammerwesens die Berliner Organisation als Vorbild hinzustellen. Die besondere Lage Berlins mag diesen Versuch einer Kombination regionaler und fachlicher Vertretung rechtfertigen. E. S.