Im sogenannten Art Collecting Point‚ einem der früheren Führerbauten an der Aroisstraße zu München, erinnert zur Zeit das Theatermuseum an die vier Jahrzehnte seines Bestehens durch eine Ausstellung "Dreißig Jahre Deutsches Bühnenbild". Ausstellungen ähnlicher Art, thematisch enger gestellt, haben schon früher, als das Haus der Clara Ziegler in der Königinstraße noch stand, zu den Hauptattraktionen dieses Museums gehört. Jetzt, wo Dr. Schöne die Tradition, dank amerikanischem Entgegenkommen, wiederaufnehmen kann, wird es ihm leid tun, daß der größere Raum dennoch dem umfänglichen Thema nicht genügen will.

In der Tat wird der Betrachter eine Reihe von Namen bedeutender Bühnenbildner, besonders aus der großen Berliner Epoche, vermissen. Ob sie sich nun nicht haben beschaffen oder nur aus Platznot nicht haben hängen lassen oder ob ein anderes Arrangement ein repräsentativeres und etwa auch entwicklungsgeschichtlich übersichtlicheres Bild ergeben hätte, das mag sich der Besucher fragen. Aber er wird zumindest der Unmittelbaren Freuden und Anregungen keine entbehren, während er an den Wänden und Paravents entlang geht und in die Zauberwelt eintaucht, die ihm aus all den dort im Tageslicht hängenden Szenen-Originalen entgegensprüht.

Es versteht sich, daß den Anregungen, die aus farblich oder baulich kühnen Szenarien dem Theaterkenner zuströmen, als ein Hauptvergnügen die Erinnerungen an die Seite treten – Erinnerungen an Theaterabende, an denen er das hier flächig Vorgestellte dreidimensional "in Aktion" gesehen. Wiewohl aus den nord- und westdeutschen, besonders den rheinischen Theaterstädten und Hamburg (Heinz G. Zirchers Entwürfe zu Ernst Penzoldts "Gläsernem Storch" hängen im besten Lichte) zahlreiche Werke sich der Frage stellen, ob ihre Schönheit auch praktikabel, ihre Kühnheit nicht vordringlich für sich, sondern dem Kern und Wesen des Werks dienstbar sei, wird es doch niemanden überraschen, wenn diese Münchner Ausstellung dem Genius loci Raum gönnt und der Münchner Besucher erinnernderweise am besten auf seine Kosten kommt. Von Emil Preetorius angefangen (dessen Werk freilich nicht an München gebunden ist) bis zu Wolfgang Znamenacek, von Leo Pasetti, Reigbert und Sturm bis zu Reinking, Loghi und Jürgens zieht sich eine Bühnenbild-Kette, die nicht nur die sehr unterschiedlichen malerisch-architektonischen Temperamente sehen, sondern auch jene Theaterereignisse wieder aufleben läßt, denen sie geholfen haben, als "Ereignisse" in unserem Gedächtnis fortzuleben.

Dabei ergeben sich freilich die merkwürdigsten Überraschungen. Auch dort nämlich, wo der Künstler nachzuweisen vermag, daß sein Entwarf, so wie er hier ist, der Aufführung ehedem zugrunde lag, zeigt sich das wesentlich Vorläufige, auf seine Perfektionierung durch die agierenden Spieler und die Künste des Beleuchters Abgestimmte und Angewiesene aller Szenenkunst: der gehabte und gutverwahrte Eindruck will durchaus nicht mit dem Bild da vor Augen übereinstimmen. So ähnelt die Besichtigung einer Bühnenbild-Ausstellung in gewisser Weise dem Lesen einer choreographischen Partitur: es muß vieles zusammengestimmt und hinzugesehen werden.

In einem Punkte ist diese Schau eine überzeugende und tröstliche Bestandsaufnahme: wer sich der völlig vernachlässigten oder aber der nur naturalistisch echten oder der opernhaftanspruchsvollen Bühnendekorationen erinnert, die zu Beginn des letzten Menschenalters noch weithin die Regel bildeten, der mag sich der sichtbaren Fortschritte zu einem aus dem Kern des jeweiligen Bühnenstückes entwickelten, ihm "magisch" entsprechenden "Raum", wie es in den Entwürfen dieser Münchner Ausstellung hervortritt, von Herzen freuen. Es sieht nicht so aus, als könnte man je wieder auf das nun Erreichte verzichten – ungeachtet das Wesen des Theaters selbst nicht darin, sondern nur im Spieler beschlossen liegt. Hanns Braun