Von unserem österreichischen Korrespondenten

BMW Wien, in Juli

Wer von Deutschland nach Österreich kommt, ist immer wieder überrascht über das verhältnismäßig zahme Gebaren der Sowjets in der österreichischen Ostzone. Moskau weiß eben sehr wohl, was es an Österreich hat, dem einzigen Lande, in dem Ost und West, ohne durch den Eisernen Vorhang getrennt zu sein, nebeneinander existieren; denn noch ist Österreich eine wirtschaftliche Einheit, und das eröffnet mancherlei Perspektiven.

Die Sowjets haben seit 1945 ihre Politik in Österreich immer wieder variiert, um den jeweils größten wirtschaftlichen Nutzen herauszuholen. In der ersten Phase bis Mitte 1946 ist ein Großteil der Maschinen, die nach 1938 aufgestellt wurden, außer Landes geschafft worden. Dieser "Demontageperiode" folgte dann die "Devisenperiode". Der sowjetische Machtbereich litt damals unter einem akuten Mangel an verschiedenen Engpaßerzeugnissen, so waren beispielsweise Kugellager sehr knapp, konnten aber in der Schweiz gegen harte Währung bezogen werden. Darum exportierten die USIA-Betriebe damals ihre Erzeugnisse in die Schweiz – natürlich unter Umgehung der österreichischen Devisenkontrolle – und kauften für die erlösten Schweizer Franken entweder jene Engpaßerzeugnisse oder billige österreichische Schillinge, mit denen sie das Defizit der USIA ausglichen oder die Propaganda der Kommunistischen Partei in Österreich finanzierten. Die Devisenperiode fand ihr Ende, als man für den Schweizer Franken nicht mehr 30, sondern schließlich nur mehr 10 Schillinge erhielt.

Als nach der vorjährigen Pariser Konferenz der Staatsvertrag und damit der Abzug der Russen in absehbare Nähe gerückt schienen, begann wieder der Abbau von Maschinen. Auch das Demontagetempo auf den Ölfeldern wurde beschleunigt – obwohl die Ölfelder auch nach dem Staatsvertrag russischer Besitz bleiben sollen –, die Ölreserven, auf 8 bis 9 Millionen Tonnen geschätzt, dürften, wenn das Tempo beibehalten wird, in knapp 10 Jahren erschöpft sein.

Als sich dann im Herbst 1949 die internationale Situation wieder verschärfte, begann in der sowjetischen Zone Österreichs eine neue Periode der Wirtschaftspolitik, die bis heute andauert. Sie ist durch die Rationalisierung der Betriebe, erstmalige Investitionen und eine Säuberung der Belegschaften gekennzeichnet. Sogar die bisher stark umworbenen ehemaligen Mitglieder der NSDAP wurden vielfach überraschend entlassen und durch Mitglieder der KPÖ – die übrigens viel mehr Mitglieder als Wähler hat – ersetzt. Die Arbeiter und Angestellten, die nicht der KPÖ angehören, drängten selbst – aus den USIA-Betrieben, in denen bei Unglücksfällen, die regelmäßig als Sabotage gedeutet werden, von zwei unter den gleichen Umständen arbeitenden Arbeitern stets derjenige verhaftet und außer Landes geschafft wird, der nicht der KPÖ Angehört.

Zur neuen Periode gehört nunmehr auch der Versuch, Ostösterreich auf den Rubelblock auszurichten. Der USIA-Chef, Tichomorow, soll den Auftrag erhalten haben, Ostösterreich, Ungarn und die Tschechoslowakei in einen Wirtschaftsblock zusammenzuschließen, also gewissermaßen in habsburgischen Spuren zu wandeln. Dies wird sich zunächst nur schrittweise verwirklichen lassen, da vor allem die Satellitenstaaten – vor dem Krieg bildete der Handel Österreichs mit diesen Ländern 40 v. H. des Gesamtvolumens – zunächst- noch großen Wert auf eine gesamt – österreichische Wirtschaft legen. Dies ermöglicht ihnen nämlich indirekt und in bescheidenem Maße, vom Marshall-Plan zu profitieren. Sie führen ja Wien gegenüber ein handelspolitisches Doppelleben. Offiziell wird ein Handelsvertrag abgeschlossen, inoffiziell aber werden die in diesem Handelsvertrag nicht zugelassenen Waren durch die USIA eingeführt, in Österreich verkauft und für den Erlös Produkte Marshallplan-subventionierter Fabriken erworben. Die Bulgaren haben dies in einem solchen Umfang praktiziert, daß man am Ballhausplatz formellen Einspruch erwog.

Immerhin: Solange die Sowjets noch Wert auf solche Manöver legen, ist ein gewisses Gegengewicht gegeben gegen die Versuchung, die Demarkationslinie zu schließen, und so die Saugwirkung des Marshall-Planes zu stoppen, die dem Einschluß Ostösterreich in den Rubelblock hinderlich ist,